Erwachen im russischen Sommer

Der regierungskritische russische Regisseur Kirill Serebrennikow hat Probleme mit der Justiz.

»Ein Sommernachtstraum« von William Shakespeare ist eigentlich eine Komödie. Findet die Inszenierung in der russischen Hauptstadt statt und noch dazu auf Staatskosten, kann sie jedoch zum Albtraum für den Regisseur geraten. Am 23. August verhängte ein Moskauer Gericht Hausarrest inklusive Fußfessel über den international erfolgreichen Theater- und Kinoregisseur Kirill Serebrennikow – vorerst bis zum 19. Oktober. Er soll fast eine Million Euro staatlicher Kulturmittel veruntreut haben, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft. Bislang galt er lediglich als Zeuge in einem Verfahren, das ihm bereits im Mai eine Hausdurchsuchung eingebracht hatte. Nun drohen ihm zehn Jahre Haft. Sein Anwalt hat Rechtsmittel gegen die Entscheidung angekündigt. Continue reading

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Das Ende der Annäherungsversuche

Der US-amerikanische Präsident Donald Trump hat widerstrebend ein Sanktionsgesetz unterzeichnet, das unter anderem Russland betrifft. Dort gibt man sich gelassen.

Verhängt der sogenannte Westen Wirtschaftssanktionen gegen Russland, findet sich immer jemand, der den machtpolitischen Ränkespielen etwas Gutes abgewinnt. In diesem Fall tat sich Igor Setschin hervor, der Vorstandsvorsitzende des mehrheitlich staatlichen russischen Ölkonzerns Rosneft. Er verkündete zuversichtlich, größere Verluste in seinem Einflussbereich abwenden zu können. Der Nachrichtenagentur Interfax gegenüber sprach er sogar von positiven Auswirkungen: »Die negativen zeigen sich bereits bei den amerikanischen Partnern. Und bald erfahren sie, welche positiven es gibt.« In vier Wochen soll es so weit sein. Continue reading

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Tikkun Olam an der Newa

Im Gemeindezentrum in St. Petersburg lernen nichtjüdische Kinder Russisch

Willst du bis zur Rente Tom Sawyer lesen?!« So streng und energisch die Stimme auch klingt, liegt in ihr doch echte Anteilnahme. Sie gehört einer schlanken, charismatischen Frau mit langem blonden Haar. Neben ihr in einem der Räume des jüdischen Gemeindezentrums in St. Petersburg sitzt ein Erst- oder Zweitklässler, der nicht so recht weiß, wie er auf die drängende Frage reagieren soll. Russisch ist nicht seine Muttersprache, und ein ganzes Buch zu lesen, hat von ihm bisher noch niemand verlangt.
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Wer sich selbst am nächsten steht, findet rechte Freunde

Das von Wunschdenken getragene Deutschlandbild in Russland war lange Zeit überaus positiv geprägt. Damit ist es vorbei. Unter der derzeitigen Regierung scheint Westeuropa kein geistesverwandter und verlässlicher Partner mehr für Russland zu sein. Während russische Eliten ihre Kooperation mit der westeuropäischen extremen Rechten ausbauen, betreiben russische Neonazis den Aufbau neuer Strukturen.

Seit Herbst 2015 kommt kaum ein in Russland geführtes Gespräch über die Zustände in Deutschland am Thema Flüchtlinge vorbei. Während russische Medien nur in Ausnahmefällen von Gewalttaten gegenüber Flüchtlingen in Deutschland berichten, schüren sie umso regelmäßiger weit verbreitete Ressentiments gegenüber vorzüglich muslimischen Männern als Gefahrenquelle. Bedroht seien demnach nicht nur Recht und Ordnung, sondern die westliche Zivilisation als Ganzes. Es herrscht in der russischen Bevölkerung sicherlich kein Konsens, doch Verständnis für die als viel zu liberal aufgefasste deutsche Asylpolitik, deren restriktive Seite meist völlig unter den Tisch fällt, äußert nur eine kleine Minderheit.

Diese Einstellung demonstriert anschaulich, welche ideelle Kluft sich mittlerweile auftut und den imaginierten Westen in den Augen vieler russischer Bürger_innen zunehmend fremd erscheinen lässt. Europa diente lange Zeit als Projektionsfläche für eigene Sehnsüchte nach einem krisenfesten, bescheidenen Wohlstand, von dem sich allein aus Kostengründen jedoch nur eine kleine Minderheit der russischen Bevölkerung einen realistischen Eindruck vor Ort verschaffen konnte. Von Wunschdenken getragen war insbesondere das Deutschlandbild lange Zeit überaus positiv geprägt. Damit ist es vorbei. Continue reading

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Straffrei morden

Obwohl immer wieder von tschetschenischen Staatsorganen begangene Gewalttaten bekannt werden, genießt die Regierung Handlungsfreiheit.

Wer am 27. Februar 2015 unweit der Kremlmauer die tödlichen Schüsse auf Boris Nemzow abgegeben hat, ist seit vergangener Woche gerichtlich festgestellt: Saur Dadajew wurde zu einer Freiheitsstrafe von 20 Jahren verurteilt, vier weitere Angeklagte erhielten Haftstrafen zwischen elf und 19 Jahren. Dass die Spur nach Tschetschenien führt, fanden die Ermittler schnell heraus, und auch die nun verurteilten Verdächtigen waren wenige Tage nach der Tat gefasst. Allerdings beschränkte sich die Aufmerksamkeit von Staatsanwaltschaft und Gericht bis zum Schluss auf diesen engen Personenkreis. Lediglich die Tochter des ermordeten Oppositionspolitikers, Zhanna Nemzowa, beharrte auf einer vollständigen Rekonstruktion der Ereignisse mitsamt der Aufdeckung der Auftraggeber.

Das erwies sich allerdings als unvereinbar mit der Aufgabe der zuständigen Behörden. Oder es scheiterte am Unwillen der russischen Regierung, Zusammenhänge offenzulegen, die zeigen würden, dass jegliche widerständige politische Aktivität in Russland zu einem lebensgefährlichen ­Unternehmen ausarten kann. Continue reading

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Fußball als Ausnahmezustand

Deutschland hat wieder einmal gewonnen. Beim Fußball. Dieses Mal im Confederations Cup in St. Petersburg. Der fand nämlich leider als Generalprobe für die Fußball-WM 2018 in Russland statt. Wo in Hamburg wegen des bevorstehenden G20-Gipfels Ausnahmezustand herrscht, reicht hier in Russland indes ein ödes Sportereignis, um gesetzlich garantierte Freiheiten einzuschränken. Weil die Dumaabgeordneten mit ihrem Pensum nicht fertig wurden, sprang der Präsident in die Bresche. Per Dekret machte er Russland sicherer — und sei es nur für die Zeit des Cups und ein wenig darüber hinaus.

Zwischen dem 1. Juni und dem 12. Juli darf mensch beispielsweise keine Pfeffersprays zur Selbstverteidigung bei sich tragen. Continue reading

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Überraschung am Feiertag

In Russland wurde der Nationalfeiertag am 12. Juni zum Tag opposi­tioneller Proteste. Der Streik der Lastwagenfahrer dauert an, sie wollen nun einen Präsidentschaftskandidaten aufstellen.

Der »Tag Russlands« gehört in Russischen Föderation zu jenen Tagen, die arbeitsfrei und von höchster staatlicher Relevanz sind. Aber weniger als die Hälfte der Bürger und Bürgerinnen kennt den Anlass für den Feiertag. Am 12. Juni 1990 einigte sich der Kongress der Volksdeputierten der damals noch existierenden Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik nach heftigen Debatten darauf, die Unabhängigkeit der einzelnen Sowjetrepubliken anzuerkennen. Russland folgte lediglich dem allgemeinen Trend, der 1988 mit der Unabhängigkeitserklärung Estlands seinen Anfang genommen hatte und nach der als »Parade der Souveränitäten« in die Geschichte eingegangenen Absage an das »sozialistische« Miteinander mit dem Zerfall der Sowjetunion endete. Es ist für die Anhänger eines imperialen Russland kein ruhmreicher Tag, und ihn mit patrio­tischen Sinn zu füllen, ist bislang keiner Staatsführung so recht gelungen.


Dieses Tauziehen haben die Cops verloren. Foto uw Continue reading

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Von Maskierten verschleppt

Murad Amrijew drohen Folter und Tod, weil sein Bruder von den tschetschenischen Behörden eines Anschlags beschuldigt wird.

Kurzzeitig sah es so aus, als könnte die Geschichte ein glückliches Ende nehmen. Am 4. Juni verließ Murad Amrijew, Weltmeister in Mixed Martial Arts, die Ukraine, ging nach Russland und wollte dort ein Schengen-Visum beantragen. Einige seiner Verwandten lebten in der Europäischen Union, er selbst flüchtete 2013 aus Tschetschenien in die Ukraine. Dass eine Rückkehr nach Russland zur Falle werden kann, ist vielen Tschetschenen zwar bewusst, aber Amrijew hatte bislang keine Probleme. Doch nun folgte die Brjansker Polizei einem Anfang Februar ausgeschriebenen Fahndungsgesuch und nahm Amrijew wegen ­Verdachts auf den Besitz falscher Dokumente fest. Der simple Grund dafür: In seinem Pass steht ein falsches ­Geburtsdatum, weil im Tschetschenien-Krieg seine Geburtsurkunde verlorenging und das Ersatzdokument Fehler enthält. Zwei tschetschenische Polizisten in Zivil, begleitet von maskierten Angehörigen von Spezialeinheiten waren bald zur Stelle und wollten den ­Inhaftierten umgehend übernehmen. Amrijew erkannte trotz der Maskierung einen Mann, der ihn vor seiner Flucht in einer Polizeiwache in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny gefoltert hatte. Continue reading

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Ein Trucker für den Kreml

Streikführer Andrej Baschutin kandidiert bei Russlands Präsidentschaftswahl 2018

Mit dabei sein will beim Wettlauf um den Kreml im kommenden Jahr Andrej Baschutin, Vorsitzender der Vereinigung russischer Transportunternehmer OPR. Vor wenigen Tagen trafen sich deren Vertreter aus unterschiedlichen Regionen zu Beratungen, als deren Ergebnis sie Baschutin als Kandidaten für die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen aufstellten. Am Mittwoch trat er erstmals in seiner neuen Eigenschaft an die Öffentlichkeit.


Maria Pasuchina und Andrej Baschutin. Foto uw
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Proteste gegen Abriss von Plattensiedlungen in Moskau

Platte Versprechungen — Beitrag auf Radio Corax

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