Sibirien ist fern der Stadien

Der in Russland zu 20 Jahren Haft verurteilte Regisseur Oleh Senzow ist seit dem 14. Mai im Hungerstreik. Er ist der bekannteste, aber nicht der einzige ukrainische Gefangene in russischer Haft.

Wer sich Imagepflege in großem Stil leisten kann, ist mit der Ausrichtung einer Fußball-Weltmeisterschaft gut beraten. Solange der Ball in russischen Stadien rollt, kann sich der diesjährige WM-Gastgeber an ungewohnt positiven Schlagzeilen erfreuen. Fans durften sich persönlich davon überzeugen, dass Russland in Wirklichkeit gar nicht so schrecklich ist, wie es so mancher Pressebericht darstellt. Von den Dramen, die sich in vom Spielgeschehen weit entfernten russischen Haftanstalten abspielen, bekommt im WM-Fieber kaum jemand etwas mit. Doch befindet sich der aus der Krim stammende und zu einer Haftstrafe von 20 Jahren verurteilte Regisseur Oleh Senzow bereits seit dem 14. Mai im Hungerstreik und ist fest entschlossen, nicht aufzugeben, bis er seine Forderung durchgesetzt hat – die Freilassung von 64 ukrainischen Häftlingen. Continue reading

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Alles paletti, oder nicht?

Reisen erweitert den Horizont. Diese Erkenntnis stammt aus Zeiten, in denen es noch keine Fußballweltmeisterschaft als Anlass brauchte, um sich auf fremdes Territorium vorzuwagen. Aber es steht ohne Zweifel, dass das Sportevent Russland einen rasanten Anstieg der Besucherzahlen beschert hat. Moskau zog schon vor dem Endspiel Bilanz. Von drei Millionen Touristen, die sich seit dem ersten Anpfiff mehr als einen Tag in der Hauptstadt aufgehalten haben, stammen 1,2 Millionen aus dem fernen Ausland, wie es immer noch heißt. Also nicht aus ehemaligen Sowjetrepubliken. Damit liegt deren Quote derzeit um das Dreifache über der Monatsnorm. Spitzenreiter sind die Chinesen, gefolgt von US-amerikanischen Staatsbürgern. An dritter Stelle liegen Reisefreudige aus Deutschland. Continue reading

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Profi ohne Papiere

Der Fußballer Traore Kadjale ist von Côte d’Ivoire nach Russland geflohen

Allez! Dépêche-toi! Bystro!« Die Rufe hallen laut über den gepflegten Rasen eines Sportplatzes im Südwesten von Moskau. Ein etwa zehnjähriger Junge in Fußballtrikot rennt so schnell ihn seine Beine tragen vom Tor zur Mitte und wieder zurück. Nach einer kurzen Trinkpause geht es weiter mit Gymnastik und Geschicklichkeitsübungen. Der Ball darf sich nicht zwischen den Beinen verheddern, jeder Schuss muss präzise sitzen. »Dawaj-dawaj!« Der Junge muss sich anstrengen, erhält jedoch reichlich Lob von seinem Trainer. Traore Kadjale ist Profi. Sein durchtrainierter und wendiger Körper beherrscht den Umgang mit dem Ball so perfekt, dass seine Bewegungen stellenweise wie ein magischer Tanz aussehen. Nach einer Stunde ist Schluss. Sein Schüler wirkt erschöpft, aber zufrieden. Ilja, der Vater des Jungen, ruft Traore nach, er solle mit seinem Sohn ruhig Französisch sprechen, damit er die Sprache lernt.

Traore — so nennen ihn in Moskau alle seine Bekannten. Er ist 27 Jahre alt und stammt aus Côte d’Ivoire (Elfenbeinküste). Ihn treibt ein festes Ziel an: Er will in die russische Premjer-Liga. Continue reading

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«Rechte bekommt man nicht, man nimmt sie sich.»

Durch den erwartungsgemäßen Ausgang der russischen Präsidentschaftswahlen im März dieses Jahres schien sich zum wiederholten Mal bestätigt zu haben, was ohnehin als offensichtlich gilt: Russlands Führung sitzt fest im Sattel. Die Frage, wie stabil Russlands Herrschaftssystem tatsächlich ist, lässt sich daran allerdings nicht eindeutig beantworten und erfordert eine komplexere Betrachtung der Zustände im Land. Jedenfalls ist der überragende formale Sieg von Wladimir Putin, der mit knapp 77 Prozent sein bislang bestes Wahlergebnis vorweisen konnte, nur bedingt als Gradmesser für die reale Zustimmung zu seiner Regierung zu gebrauchen.

Es macht wenig Sinn, eine Wahl in Russland als aussagekräftiges Statement zu interpretieren. Continue reading

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Rechte Hools suchen Streit

Bei so manchem aufgekratzten russischen Fan wird man den Eindruck nicht los, dass er seine in den Nationalfarben gehaltene Schminke tagelang nicht vom Gesicht wäscht. Nach dem Sieg über Spanien wird diese Tendenz wohl noch eine Weile anhalten.
Aber solange sie hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt sind oder vor den Augen eines Polizisten eine Lampe in der Metro zertrümmern will ich mich gar nicht beschweren. Das wäre ohnehin zwecklos.

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Doch das Ärgerlichste an der Fankultur ist und bleibt die Interaktion mit Unbeteiligten. Nicht alle Menschen haben schließlich ein Faible für Fußball, lautes Gegröle, Feuerwerke um drei Uhr morgens oder verdienen am während der WM immens gestiegenen Bierkonsum. Continue reading

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Einzelhaft und Hungerstreik im Fall Pensa

Strafverlegungen in den Karzer sind im russischen Justizvollzug Alltag. Ilja Schakurskij sah sich am vergangenen Montag erstmals mit dieser harten Disziplinarmaßnahme konfrontiert. Der Antifaschist, der sich seit Oktober 2017 in der Stadt Pensa wegen des Verdachts einen bewaffneten Aufstand während der Fußball-Weltmeisterschaft herbeizuführen in Untersuchungshaft befindet, soll während des täglichen einstündigen Hofgangs Unterhaltungen geführt haben. Ein Vergehen, das in seinem Fall siebentägige Sonderhaftbedingungen zur Folge hat. Continue reading

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Prekäre Löhne, prekäre Rente

Alexej Gaskarow über die radikalen Rentenreformpläne in Russland
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Die russische Regierung kündigte jüngst die Anhebung des Renteneintrittsalters für Männer auf 65 Jahre und für Frauen auf 63 an. Was sind die Hintergründe der Reform?

Der Rentenfonds steckt in Schwierigkeiten. Russlands Rentenkasse arbeitet nach dem Solidarprinzip, das heißt, aus den Beiträgen der heutigen Arbeitnehmer werden die laufenden Rentenausgaben beglichen. Theoretisch wird so viel eingenommen wie ausgegeben. Aber derzeit decken die Beiträge nur etwa 60 Prozent des Bedarfs, ein Teil der Kosten wird aus dem Staatshaushalt bezahlt. In Russland gibt es derzeit 43 Millionen Rentner. Nur etwa 35 Millionen davon erhalten Altersrente, der Rest wegen verminderter Erwerbsfähigkeit. Dabei existiert eine riesige Grauzone, da aufgrund der Schattenwirtschaft Beiträge gar nicht erst geleistet werden. Der vom Arbeitgeber entrichtete Beitragssatz von 22 Prozent entspricht an sich der für die Rentenzahlungen benötigten Summe. Derzeit liegt… Continue reading

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Reformentscheidung vor dem Anpfiff

Die russische Regierung nutzt die Ablenkung durch die Fußball­weltmeisterschaft, um ein umstrittenes Rentengesetz voranzubringen.

Ein Gespür für das richtige Timing ist das Mindeste, was man von einem ­Ministerpräsidenten erwarten sollte. Die russische Regierung unter Dmit­rij Medwedjew legte den Termin für ihre Kabinettsdebatte über die lange geplante Rentenreform auf den Beginn der Fußballweltmeisterschaft. Am selben Tag, noch vor Anpfiff des ersten Spiels, fiel die Entscheidung. Vor der Sommerpause soll das Parlament den Gesetzentwurf diskutieren und dann im Herbst verabschieden. Anstatt sich mit den finsteren Aussichten einer in immer weitere Ferne schweifenden Rente zu beschäftigen, durfte sich die fußballbegeisterte Bevölkerung an fünf Siegestoren der russischen Sbornaja gegen die Nationalelf aus Saudi Arabien erfreuen. Eine Erhöhung der Mehrwertsteuer von 18 auf 20 Prozent ist obendrein beschlossene Sache. Am Folgetag vermeldete Regierungssprecher Dmitrij ­Peskow zur Sicherheit, dass sich Präsident Wladimir Putin nicht an den ­Diskussionen über die Rentenreform beteilige. Die Rolle des Buhmanns füllt traditionell Medwedjew aus. Continue reading

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Sichere Spiele

Die Staatsgewalt ist gerüstet. Demokratische Rechte sind kein Thema, schon gar nicht bei der FIFA

Wer eine Reise zur Fußballweltmeisterschaft der Männer in Russland plant und sich eine nette Zeit machen will, darf sich freuen. Russland hat viele beeindruckende historische Sehenswürdigkeiten zu bieten, und die werden Außenstehenden gerne präsentiert. Was die weniger schöne aktuelle Realität angeht, gibt es immer Mittel und Wege, diese aus dem Sichtbereich herauszuhalten. Der offizielle WM-Trailer der FIFA gibt den Ton vor: Statt eines fünfzackigen Sterns ist dort auf einem der Kreml-Türme ein Kirchenkreuz abgebildet.

Als die Entscheidung zur Vergabe der WM 2018 fiel, gehörte die Krim zur Ukraine, und der Donbass war kein Kriegsgebiet. Continue reading

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Die WM-Metropolen im Ausnahmezustand


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In Russlands WM-Metropolen herrscht Ausnahmezustand. Es gelten plötzlich ganz neue Spielregeln. Zu einer Gruppe junger Leute mit bunten Frisuren und lässigem Auftreten in einem Moskauer Park gesellt sich ein uniformierter Polizist. Er sagt fast beiläufig, dass das Wetter heute wirklich schön sei. Die jungen Leute stehen und sitzen mittlerweile in Habachtstellung, alle erwarten mit ihren Zigaretten und den Bierflaschen in der Hand eine weniger poetische Fortsetzung des Gesprächs. Auf der Straße darf grundsätzlich kein Alkohol konsumiert werden und im Park ist auch das Rauchen verboten. Doch der Polizist zieht unvermittelt einfach seines Weges. Kurz darauf zettelt ein weniger alternativ gekleideter Parkbesucher ein lautes Geschrei an. Ins Visier seiner Verbalattacke gerieten zwei Sicherheitskräfte, die am Rand des Parks gelangweilt ins Nichts starrten. Der aufgebrachte Mann beschuldigte sie lauthals, untätig herumzustehen, während er bereits seit einer halben Stunde vergeblich versuche, angesichts der trinkenden und rauchenden Massen rundherum die Ordnungsmacht an ihre Pflichten zu appellieren. Die Angesprochen gingen in die Defensive und warteten auf Verstärkung. Als diese eintraf musste der zivile Einzelkämpfer für Recht und Gesetz erst mal seinen Pass vorzeigen. Continue reading

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