Stalin, Lenin, Glückseligkeit

Bei der Demonstration zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution in Moskau feierten Russen und Ausländer euphorisch unter einem Fahnenmeer.

Freudestrahlende Gesichter überall. Zu schön, um wahr zu sein, wo die Bewohnerinnen und Bewoner der Moskauer Metropole doch gewöhnlich mit aufgesetzter Gleichgültigkeit glänzen. Mit derart überschwänglicher, fast schon kindlicher Euphorie wie an diesem 7. November kann kein anderer Feiertag auf Moskaus Straßen aufwarten. Die Oktoberrevolution feiert ihr Hundertjähriges und die Kommunistische Partei KPRF hat ihr Klientel am Nachmittag zur Demonstration geladen.

Vom Puschkin-Platz zum Karl-Marx-Denkmal soll es gehen, im Beisein von über den Massen schwebenden Lenin- und Stalin-Portraits. Wladimir Iljitsch scheint indes keineswegs in Feierstimmung zu sein. Seinem Gegenüber schaut er direkt in die Augen, wobei er Strenge und Altersmüdigkeit ausstrahlt. Ein geschönter und geföhnter Stalin in weißer, ordensgeschmückten Montur weicht dem Blickkontakt aus. Continue reading

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Die Volksrevolution blieb aus

Nach dem »Russischen Marsch« am Samstag in Moskau sollte tags darauf einem rechtsextremen Masterplan zufolge Wladimir Putin gestürzt werden. So weit kam es nicht.

Das Jahr 2017 unterscheidet sich von 1917 in Russland vor allem dadurch, dass die Revolution dieses Mal angekündigt war, aber nicht stattgefunden hat. Wladimir Lenin war sich wenige Wochen vor dem Sturz des Zaren noch sicher, den langersehnten gesellschaftlichen Umsturz selbst nicht mehr zu erleben. Der Nationalist Wjatscheslaw Malzew hingegen kündigt seit 2013 in jeder Ausgabe seines populären Video­blogs »Artpodgotowka« eine »Volksrevolution« an und nannte sogar ein Datum: den 5. November. An diesem Tag sollte Präsident Wladimir Putin gestürzt werden und das russische Volk endlich sein Schicksal in die eigene Hand nehmen.


Keltenkreuze des «Schwarzen Blocks» und die Fahne der «Neuen rechten Alternative». Foto uw Continue reading

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«Ändern lässt sich ohnehin nichts mehr»

Moskauer auf der Suche nach Überbleibseln des sowjetischen Sozialstaates und moderaten Preisen

Lenin blickt sein Gegenüber freundlich blinzelnd an. Sein Konterfei nimmt die gesamte Titelseite einer Zeitschrift ein, wie sie dieser Tage im ganzen Land erscheinen. Wer Wladimir Iljitsch partout keine Aufmerksamkeit schenken will, lässt ihn links liegen.
Wer nach der Abbildung des Revolutionärs Trotzki sucht, muss schon etwas genauer hinsehen. Der Zeitungsstand gegenüber dem Eingang zur Metro im Osten Moskaus ist neben der üblichen Klatschpresse und wenigen anspruchsvolleren Printmedien voller Sonderausgaben zum Hundertjährigen der Oktoberrevolution. Diese finden ihre Leser und Leserinnen, ohne zum Ladenhüter zu werden. Doch sind es eher die Älteren, die sich für historische Rückblicke erwärmen — und sei es nur aus nostalgischen Gründen.
»Ich selber habe eigentlich gar keine Meinung zu dem Ereignis«, sagt die Zeitungsverkäuferin. »Manche sagen, hätte die andere Seite gewonnen, wäre alles ganz anders verlaufen. Aber ändern lässt sich ohnehin nichts mehr»

ute weinmann

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Dutzende Festnahmen bei Aufmarsch extremer Rechter

»Russischer Marsch« zog mit mehreren hundert Teilnehmern durch Hauptstadt / Behörden genehmigten nur zwei Veranstaltungen

Mit dutzenden Festnahmen endete am 4. November ein Aufmarsch extrem Rechter in Moskau noch vor dem Beginn der genehmigten Veranstaltung. Am sogenannten »Tag der Volkseinheit« demonstrierten noch vor wenigen Jahren mehrere tausend Neonazis gegen Migranten aus Zentralasien und dem Kaukasus und gegen die russische Führung. Infolge zahlreicher Strafverfahren, insbesondere wegen extremer Äußerungen im Internet, sind es heute nur noch einige Hundert, die bereit sind, auf die Straße zu gehen. Allein 2016 verhängten Gerichte Haftstrafen in über 30 solcher Fälle. Alle aktuell einflussreichen Führungsfiguren der extremen Rechten in Russland befinden sich derzeit entweder im Gefängnis oder haben sich ins Ausland abgesetzt und versuchen von dort, ihre Hetze weiter zu verbreiten – darunter Jurij Gorskij von der »Neuen rechten Alternative« und Iwan Beletskij von der »Partei der Nationalisten«.


Die Veranstalter kündigen an, den Marsch zu verlassen. Foto uw Continue reading

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Das böse R-Wort

Von der Oktoberrevolution will die russische Regierung auch im Jubiläumsjahr nichts wissen. Die russische Gedenkpolitik soll stattdessen eine staatliche Leitkultur konservativ-patriotischer Prägung durchsetzen.

Altlasten können auch nach 100 Jahren noch Kopfzerbrechen bereiten, insbesondere wenn sie nicht materieller Natur sind. Doch im Jubiläumsjahr lässt sich ein weltbewegendes historisches Ereignis wie die Oktoberrevolution auch in Russland nicht ganz ignorieren. Tatsächlich finden zuhauf Veranstaltungen statt, die sich mit dem Ablauf und den Auswirkungen der »großen russischen Revolution« auseinandersetzen und die auf eine große Resonanz treffen. Zugleich fällt die Zurückhaltung der politischen Führung in den vergangenen Monaten auf, die die von Staats wegen zulässige Interpretation anderen überlässt, statt sich richtungsweisend zu äußern. Das beflügelt die Neugier, denn wo sich alle Macht im Kreml konzentriert, der in praktisch allen wichtigen Fragen klare Vorgaben formuliert, scheint es nicht unwesentlich, welche Sichtweise Wladimir Putin vertritt. Schließlich wird ihm gern eine positive Bezugnahme auf das Erbe der Bolschewiki nachgesagt.

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Die Messerattacke

Tatjana Felgenhauer hatte bislang Glück. Den Radiojournalismus machte sie bereits mit 20 Jahren zu ihrer Lebensaufgabe. Im Jahr 2005 durfte sie erstmals im Radiosender Echo Moskwy, den Gazprom-Media mit einem Anteil von zwei Dritteln kontrolliert, als Korrespondentin auftreten. Später übernahm sie die Moderation eigener Sendungen und führte Interviews mit zahlreichen Persönlichkeiten, darunter Michail Gorbatschow. Längst hat sie die Stelle als stellvertretende Chefredakteurin inne. Aleksej Wenediktow, der langjährige Chefredakteur des als oppositionell geltenden Senders, war einst einer ihrer Lehrer in der Schule und hat Tatjanas Talente schnell erkannt. Ihre Markenzeichen als Moderatorin sind eine angenehme Stimmlage und eine freundliche, ihren Gesprächspartnern wohlgesinnte Atmosphäre.

Am 23. Oktober setzte Boris Griz Tatjana Felgenhauers Glückssträhne ein abruptes Ende. Continue reading

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Hauptsache, die Juden waren’s

Schon seit 1917 gibt es die Mär vom »jüdischen Bolschewismus« – mit der Realität hat sie wenig zu tun

Vor mittlerweile einem ganzen Jahrhundert nahm mit der Oktoberrevolution ein Experiment seinen Anfang, welches das 20. Jahrhundert maßgeblich geprägt hat. Genauso alt ist die Mär vom »jüdischen Bolschewismus«, die in immer neuer Auflage Eingang in altbekannte Verschwörungstheorien hält. Russische Revolution und Juden verschmelzen darin zu einem Synonym, ganz als ob es nie eine Geschichtsforschung gegeben hätte, die ein differenziertes Bild von der Rolle der Juden in den revolutionären Bewegungen zeichnet und mit weit verbreiteten diffamierenden Klischees aufräumt. Continue reading

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Repression gegen LGBT

Die aserbaidschanischen Behörden haben Dutzende LGBT-Personen festgenommen, zum Teil misshandelt und zu Verwaltungshaft ver­urteilt. Als Vorwand dienten ihnen angebliche Bürgerbeschwerden.

Es ist noch nicht lange her, dass die außerordentlich gewaltsame Verfolgung Homosexueller in Tschetschenien für Schlagzeilen sorgte. Nun ist der Südkaukasus an der Reihe, genauer gesagt Aserbaidschan. Mitte September begann die Polizei in der Hauptstadt Baku Razzien gegen Schwule, Bisexuelle und Transgender. Zunächst suchten die Uniformierten stadtbekannte Treffpunkte der Schwulenszene auf, durchstreiften Nachtclubs, holten Einzelne gezielt aus ihren Wohnungen und griffen Leute bei systematischen Ausweiskontrollen auf der Straße auf. Innerhalb weniger Stunden erfolgten mehrere Dutzend Festnahmen. Ins­gesamt gehen Menschenrechtsgruppen von 150 bis 200 Fällen aus, wobei nach offiziellen Angaben 83 Personen zu Verwaltungshaft zwischen zehn und 30 Tagen verurteilt wurden – im Schnellverfahren und ohne Beisein von Anwälten. Andere kamen mit Verwarnungen oder Geldstrafen davon. Continue reading

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Christlicher Jihad

Ein Film über eine Liebesbeziehung des letzten russischen Zaren sorgt in Russland für gewaltsame Proteste radikalisierter Christen. Die orthodoxe Kirche hält sich mit Kritik an diesen zurück.

Ein Techtelmechtel zwischen einem künftigen Monarchen und einer Tänzerin gehört eigentlich in die Klatschspalte. Handelt es sich um eine Verfilmung der Liebschaft, schafft sie es auch einmal auf die Kulturseiten. Am Film über die Beziehung zwischen Nikolai II., dem letzten russischen Zaren, und der Ballerina Matilda Kschessinskaja entzündet sich in Russland derzeit jedoch ein politischer Konflikt. Der russische Regisseur Aleksej Utschitel hat sich mit seinem jüngsten Werk, das unter dem Titel »Mathilde« auch in deutsche Kinos kommt, offenbar an einem Heiligtum vergriffen und damit in Russland eine Debatte angestoßen, die Anhänger säkularen Denkens mit den Auswüchsen eines reaktionären religiösen Wertesystems konfrontiert. Continue reading

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Fabriken für hörige Bürger

In Belarus steigt der Druck auf regierungskritische Studierende. Einige fordern EU-Institutionen auf, ihre Kooperation mit belarussischen Universitäten zu überdenken.

Die Zeiten sind vorbei, als Artikel über den im westlichen Europa gern ignorierten Landstrich zwischen Polen und Russland im ersten Absatz mit dem Urteil »letzte Diktatur Europas« den Ton vorgaben. Im Februar 2016 hob die Europäische Union ihre Sanktionen gegen Belarus auf. Das ermöglicht unter anderem mehr internationale Kooperationen und die Vergabe von EU-Fördermitteln. Die Geberstaaten können nun mit gutem Gewissen partnerschaftliche Kontakte mit staatlichen Stellen pflegen, während sich NGOs in Belarus mit zahlreichen Hürden und Einschränkungen konfrontiert sehen.

Seit 1994 ist Alexander Lukaschenko in Belarus Präsident. Viele Zugeständnisse musste er an die EU zur Besserung der Beziehungen nicht machen. Immerhin ließ er etliche politische Gefangene frei, die Todesstrafe gilt in Belarus hingegen weiterhin und wurde auch in diesem Jahr noch vollzogen. Zwar sorgt die Nichteinhaltung grundlegender Menschenrechte für Differenzen mit der EU; da sich die Vergehen im Vergleich zu früher aber in Grenzen halten, wird schon mal ein Auge zugedrückt.
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