Rausschmiss in Sotschi

Ari Edelkopf übt seit bald 16 Jahren das Amt des Chabad-Rabbiners in der jüdischen Gemeinde in Sotschi aus. Ginge es nach dem Willen des Inlandsgeheimdienstes FSB, hätte der gebürtige Israeli mit US-amerikanischer Staatsbürgerschaft und russischen Wurzeln bereits im Januar Russland verlassen müssen. Edelkopf stelle eine Gefahr für die innere Sicherheit dar, so der FSB. Auf dieser Grundlage entzog ihm die Migrationsbehörde Mitte Dezember seine Aufenthaltsgenehmigung, setzte ihn aber erst nach Neujahr davon in Kenntnis. Continue reading

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Putins kalter Krieg

Die bewaffneten Auseinandersetzungen in der Ostukraine eskalieren mit dem Einsatz von Artillerie und Mehrfachraketenwerfern. Der Auslöser dafür ist derzeit unklar.

Noch kennt niemand die genaue Anzahl der Toten nach dem jüngsten Aufflammen der bewaffneten Auseinandersetzungen im Osten der Ukraine. Fest steht nur, dass auf beiden Seiten auch Zivilsten unter den Opfern sind. Schüsse fallen dort täglich. Das Minsker Abkommen, das die Rahmenbedingungen für eine Lösung des seit bald drei Jahren andauernden Konflikts festlegt, untersagt den Einsatz großkalibriger Geschütze. Dennoch sorgen seit Ende Januar Mehrfachraketenwerfer für erhebliche Schäden sowohl in den sogenannten Volksrepubliken als auch in von der ukrainischen Armee gehaltenen frontnahen Gebieten. Continue reading

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Die Kirchenzerstörer sind zurück

Pjotr Tolstoi, ein Nachfahre des russischen Schriftstellers Lew Tolstoi, wärmt uralte antisemitische Ressentiments auf.

Lew Tolstoi schätzte seine Verwandtschaft bekanntermaßen wenig. Der russische Schriftsteller und Denker ent­wickelte eine ganz eigene Lebensphilosophien, seine unkonventionelle Vorstellungen von Religion führten sogar zu seinem Ausschluss aus der russisch-orthodoxen Kirche. Zwistigkeiten mit seinem Nachfahren Pjotr Tolstoi, dem publikumsverwöhnten Fernsehjour­nalisten, wären unvermeidlich, hätten sie die Möglichkeit, einander zu begegnen. Zumal nach dem jüngsten Skandal mit Pjotr Tolstoi in der Hauptrolle, der seit vergangenem Jahr auch das Amt des Vizesprechers der russischen Duma bekleidet.

Ausgangspunkt war, wie so häufig, die Kirche. Continue reading

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«Zerstörer von Kirchen»

Duma-Vizesprecher attackiert Juden

Ob sich ein handfester Skandal wegen antisemitischer Äußerungen eines Spitzenpolitikers einfach per Handschlag beilegen lässt, ist fraglich. Ausgerechnet während der Gedenkwoche für die Befreiung des Todeslagers Auschwitz durch die Sowjetarmee machte der Vizesprecher des russischen Parlaments und bekannte Fernsehjournalist Pjotr Tolstoi Schlagzeilen wegen seiner unzweideutigen Beurteilung lautstarker Proteste in St. Petersburg. Dort formierte sich eine breite Bewegung gegen die jüngst verkündeten Pläne des Stadtoberhaupts, die Isaakskathedrale, Wahrzeichen der Stadt und gleichzeitig eines der staatlichen Museen mit den höchsten Besucherzahlen, der orthodoxen Kirche zu übergeben. Continue reading

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Prekäre Beziehung

Der designierte US-Präsident Donald Trump hält es für möglich. dass Russland hinter den Hackerangriffen im US-Wahlkampf steckt. Berichte, wonach russische Geheimdienste im Besitz brisanter Informationen über sein Privatleben sein sollen, streitet er ab. Beide Mächte streben weiterhin »gute Beziehungen« zueinander an. Auf welcher Basis, ist unklar.

Eines ist sicher: Mit dem Amtsantritt des neuen US-Präsidenten Donald Trump sind begeisterte Anhänger rassistischer Präsidentenkarikaturen in Russland ihres Lieblingshassobjektes Barack Obama beraubt. Für Trump wird ein anderes Motiv anstelle des wenig originellen mit einer Banane bewaffneten Affen herhalten müssen. Dem andauernden Rätselraten um eine Wiederherstellung der angeschlagenen Beziehungen zwischen den USA und Russland dürfte indes kaum ein baldiges Ende beschert sein. Für den Fall, dass Hillary Clinton die Präsidentschaftswahlen gewonnen hätte, schienen alle Zeichen auf zusätzliche Spannung hinzudeuten, ja sogar auf eine Bereitschaft der US-Führung zu einer militärischen Konfrontation mit Russland in Syrien. Donald Trump hingegen hat durch zahlreiche Wahlkampfaussagen jene in ihrem Glauben bestärkt, die annahmen, er sei der bessere Friedenskandidat. In besonders brisanten internationalen Angelegenheiten wie der Krim-Frage äußerte er sich prorussisch, also keineswegs im Einklang mit seinen republikanischen Parteifreunden, geschweige denn mit der von der bisherigen Regierung gepflegten Haltung. Das allein reichte aus, um weit über Russland hinaus die Illusion einer zukünftigen störungsfreien, friedlichen Koexistenz und sogar aufkeimender freundschaftlicher Beziehungen zwischen den beiden Nuklearmächten zu erwecken. Continue reading

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Wirtschaftsliberale bevorzugt

In den vergangenen Jahren hat sich der Spielraum für Linke in Russland eingeengt

Eines hat sich in Russland seit Sowjetzeiten nicht geändert: Der Staat steht nicht nur als Garant für den Zugang zu den Überresten gesellschaftlichen Wohlstandes, sondern beansprucht für sich auch weitgehend die Hoheitsrechte über politische Partizipation. Zugang zu Machtressourcen erhalten nur jene politischen Kräfte, die sich durch weitgehende Loyalität zur russischen Führung auszeichnen. Seit Präsident Wladimir Putin bei den Parlamentswahlen 2007 erstmals als Spitzenkandidat der Partei Einiges Russland antrat, steht deren Wähleranteil für eine Art Vertrauensvotum für den Präsidenten. Continue reading

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Eisbader in St. Petersburg

Eisbader sind in Russland überall anzutreffen, wo das Wasser kalt genug ist. Am 19. Januar wird in Russland die Taufe Christi begangen. An dem Tag stürzen sich auch jene in ein Eisloch, die ansonsten wärmere Temperaturen bevorzugen. Nicht so diese beiden Männer. Einer der beiden ist Major in Rente und badet im Wasser der Newa an der Peter-und-Pauls-Festung bereits seit 34 Jahren. Continue reading

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Obenrum konservativ

Die russische Regierung vertritt ein konservatives Familien- und Gesellschaftsbild, dennoch haben fortschrittliche Ideen der russischen Revolution und der Sowjetzeit ihre Spuren in einigen postsowjetischen Ländern hinterlassen.

Bald 100 Jahre ist es her, seit die russische Revolution der ganzen Welt vor Augen geführt hat, dass das Zarenreich nicht nur ein Hort des Konservatismus darstellte, sondern gesellschaftliche Umbrüche hervorgebracht hat, die ihresgleichen suchten. Rückständigkeit und Avantgarde gepaart mit einer existentiellen Wut auf die autoritären Machthaber bildeten eine hochexplosive Melange. Theoretische Reflexionen über ein komplett neues Gesellschaftsmodell gingen somit schneller, als Wladimir Iljitsch Lenin es sich hatte träumen lassen, unter bolschewistischer Federführung in die praktische Schaffung des Sowjetmenschen über. Man denke nur an den rasanten Wandel von der weiblich dominierten Küchensklaverei zum sogenannten neuen Alltag mit seinen jeglicher Privatsphäre spottenden Wohnheimen und riesigen Kantinen in einer vom Kollektividasein geprägten Fabriklandschaft. Continue reading

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Jahrestag der Ernüchterung

Drei Jahre nach Beginn der Maidan-Proteste hat in der Ukraine kein wirklicher »Regime Change« stattgefunden. Trotzdem hat sich das Land verändert. Auf den Straßen wird dieser Tage Bilanz gezogen, aber die Massen lassen sich nicht mehr aufrütteln.

Angefangen hat es 2013 mit den als »Euromaidan« und »Revolution der Würde« betitelten monatelangen Protesten. Geblieben ist ein wehmütiges Andenken an Aufbruchsstimmung. Drei Jahre nach dem Aufbegehren großer Teile der Bevölkerung gegen das alte politische Establishment der Ukraine unter dem damaligen Präsidenten Viktor Janukowitsch ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Und diese fällt nüchtern betrachtet nicht sehr positiv aus. Eine Revolution im Sinne eines grundlegenden gesellschaftspolitischen Umbruchs hat nicht stattgefunden. Und doch ist die Ukraine ein anderes Land geworden, eines, das zumindest einen wie auch immer gearteten Versuch unternommen hat, mit den wenig erfreulichen politischen Gegebenheiten zu brechen. Continue reading

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Staatlich verordnetes Tabu

Wie antisemitisch ist das Land? Eine Konferenz versuchte eine Bestandsaufnahme

Wer mit den sprachlichen Gepflogenheiten nicht vertraut ist, wundert sich darüber, wie präsent antisemitische Stereotype im russischen Alltag sind. Doch das Ausmaß hat seit Anfang der 90er-Jahre deutlich abgenommen. Laut Anti-Defamation League (ADL) gibt es inzwischen nirgendwo in Osteuropa so wenig Antisemitismus wie in Russland. Auch russische Experten stellen fest, dass die Anzahl der Vorfälle mit eindeutig antisemitischem Hintergrund rückläufig ist.

Medien Im postsowjetischen Russland herrscht hinsichtlich verbaler antisemitischer Äußerungen zumindest in den staatlichen Medien ein Tabu, das nur selten gebrochen wird. Insbesondere im Fernsehen, wo im Regelfall kein zufälliges Wort fallen darf, gibt es in dieser Hinsicht ohnehin kaum Spielraum. Continue reading

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