Neulich im ukrainischen Konsulat

„Am Freitag können Sie ihr Visum abholen“, so die frohe Botschaft aus dem ukrainischen Konsulat in Moskau. Als ich dort pünktlich eintreffe, herrscht eine ungewohnte Atmosphäre der Nachlässigkeit. Gewöhnlich empfängt einen bereits am Eingang zum Gebäude ein wildes Gedränge. Begehrtes Ziel ist die Sprechanlage, denn Einlass wird gewöhnlich nur dem gewährt, wer verbal glaubhaft darlegen kann, ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt an diesem Ort die Gunst der vielbeschäftigten ukrainischen Obrigkeit zu verdienen. Doch heute ist die Tür geöffnet, der Wachschutz abgetreten und wer immer danach Lust verspürt, darf die Räumlichkeiten des Konsulats ohne etwaige unangenehme Zwischenfälle betreten. Reicht der neue Geist des Juschtschenko-Regimes schon bis Moskau? „Die unbürokratische Erteilung von Visa“, das hatte der neue ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko als eine seiner ersten Maßnahmen angekündigt, um die Wirtschaft des Landes voran zubringen. Doch ganz so schnell geht es dann doch nicht. Nach fünf Minuten taucht aus dem Nebenraum ein hochgewachsener Mann im grauen Anzug mit militärischem Habitus auf. Unter seinem Arm trägt er einen Plastikkorb mit einem Stapel ausländischer Pässe. Er befiehlt einen wartenden Spanier zu sich, der umgehend nervös und offensichtlich in Eile an den Mann im Anzug herantritt. Es entsteht der folgende Wortwechsel:

Der Ukrainer: „Ihr Visum ist nicht fertig, kommen Sie am Montag wieder.“
Der Spanier: „Das ist unmöglich, das Visum sollte heute fertig sein.“
Der Ukrainer (mit Nachdruck): „Es ist aber erst am Montag fertig.“
Der Spanier (ungläubig): „Ich brauche es aber heute, meine Frau fährt heute noch.“
Der Ukrainer (entschieden): „Sie kann am Montag fahren, am Montag ist das Visum fertig. Unser Mitarbeiter ist krank geworden.“
Der Spanier (gekränkt): „Ich habe das Visum aber für heute beantragt und ich brauche es heute!“, Der Ukrainer (beschwichtigend): „Unser Mitarbeiter ist doch aber erkrankt!“ Der Spanier (wütend): „Es kann doch nicht sein, dass hier nur ein Mitarbeiter mit der Ausstellung von Visa betraut ist!“ Der Ukrainer (auch wütend): „Aber ich kann Ihnen doch kein Visum ausstellen! Sie haben doch gehört, unser Mitarbeiter ist krank! Wenn es Ihnen nicht passt, dann annullieren wir das Visum!“ Der Mann im Anzug herrscht den Spanier in einem Tonfall an, der geeignet ist, selbst Menschen mit stabilem Nervenkostüm um 20 cm schrumpfen zu lassen.

Der Spanier (schreit): „Hören Sie, ich bin nicht irgendwer, ich bin der spanische Konsul! Der Ukrainer (schreit zurück mit rot angelaufenem Kopf): „Ich bin auch Konsul.“

Der spanische Konsul packt zum Beweis seinen Plastikausweis aus und schleudert ihn auf den Tisch. Der ukrainische Konsul will sich nicht beeindrucken lassen und bellt den spanischen Konsul an: „Ja was hämmern Sie denn hier so auf dem Tisch rum? Was glauben Sie wer Sie sind?!“ Der Spanier (außer sich): „Ich bin der spanische Konsul und will das Visum für meine Frau jetzt und sofort.“

Ohne auf seinen militärischen Tonfall verzichten zu wollen, räumt der ukrainische Konsul nun ein, er schaue was er machen könne und verzieht sich wieder ins Nebenzimmer. Wir anderen, die wir alle, wie sich später herausstellt, leider keine Konsule sind, tauschen vielsagende Blicke aus. Die Lage ist ernst, alle wollen wir heute unsere Visa abholen. Der spanische Konsul packt sein Handy aus und lässt seine Wut auf Spanisch an einem unsichtbaren Gegenüber aus. Indessen macht sich doch noch ein Wachmann bemerkbar, dessen Aufgabe es ist für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Mobilfunkgeräte dürfen in den Räumen des Konsulats nicht benutzt werden, das steht sogar an der Wand geschrieben. Aber den spanischen Konsul lässt dies kalt, es handele sich hier immerhin um eine Ausnahmesituation. Nach zehn ermüdenden Minuten, diversen Drohgebärden, potenziellem Hausverbot und dem Hinweis auf eine mögliche Anzeige bei der Miliz, gibt der Wachmann aber doch klein bei.

Wenig später kommt der ukrainische Konsul zurück, der schließlich mit herablassender Geste dem spanischen Konsul seinen Pass mit dem fertigen Visum überreicht. Der Ukrainer: „So was, einfach auf dem Tisch rumhämmern so wie Sie, das geht doch nicht. So was muss man eigentlich melden.“
Der Spanier: „Ich habe nicht auf dem Tisch rumgehämmert, ich habe lediglich unter Beweis gestellt, dass ich Konsul bin.“
Der Ukrainer: „Ich bin auch Konsul und ich kenne Ihren Botschafter gut, dem werde ich Bericht über Ihre schlechten Manieren erstatten.“
Der Spanier: „ …???!“ Der Ukrainer: „Und überhaupt, wenn das alles ist, was die Diplomatie der Europäischen Union zu bieten hat, dann wird es Europa ja noch weit bringen.“

Der Triumph über die westeuropäische Diplomatie steht dem ukrainischen Konsul förmlich ins hochrote Gesicht geschrieben. Überflüssig zu erwähnen, dass ich mein Visum an dem Tag nicht erhalte, alle anderen auch nicht. Mir hätte doch keiner abgenommen, dass ich eine Konsulin bin. Als mir bei der Nachricht, ich solle am Montag wieder kommen, ein laut gedachtes „jo mojó!“ (eine im Russischen doch eher unanständige Abkürzung eines weit verbreiteten Schimpfwortes) entfleucht, entlädt sich der Unmut des ukrainischen Konsuls in voller Wucht auf mich: „Jo mojó, na wenn dem so ist, dann könne er mir ja gleich eine Absage erteilen, brüllte der Konsul. Ich frage ihn routinemäßig nach seinem Namen, für alle Fälle, aus dummer Gewohnheit, falls die Kommunikation bei Abholung des Visums wieder per Sprechanlage laufen sollte. „Ich bin der GENERALKONSUL!!!!!!!“, brüllt der ukrainische Generalkonsul, einem Schlaganfall nahe.

Ute Weinmann

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