Russische Webblogs als (ent)politisierter Raum

Das Web als bislang freier Ort zur politischen Meinungsäußerungen wird für die Wahlen vorbereitet

Webblogs erfreuen sich in Russland einer stetig wachsenden Popularität. Die weitaus größte Anzahl russischsprachiger Bloguser hat sich beim amerikanischen LiveJournal eingerichtet und stellt dort die zweitstärkste Sprachgemeinde. Mitte Mai verkündete LiveJournal — in der russischen Bezeichnung liebevoll mit einem weichen „Zhezhe“ abgekürzt — die Überschreitung der Millionengrenze russischsprachiger Blogs, allerdings gingen in die Zählung auch sogenannte Communities ein. Doch angesichts des derzeit verzeichneten rasanten Wachstums wird die magische Million individueller Bloguser spätestens Ende Juni erreicht sein.

Virtuelle Kommunikation hat in Russland Tradition. Noch vor Einsetzen des Internetbooms und dem nicht mehr wegzudenkenden E-Mailverkehr existierten zahlreiche lokale und überregionale Computernetzwerke. Das bekannteste davon dürfte das in den 1980er Jahren von zwei amerikanischen Programmierern entwickelte Fidonet sein. Dessen Nutzung erforderte zwar eine gewisse technische Versiertheit und die Bereitschaft zur mühsamen manuellen Übermittlung von Nachrichten, zum Ausgleich bot das Fido die Voraussetzungen für einen intensiven Gedankenaustausch, für den im netzfreien Raum lediglich kleine Nischen existierten.

Durch die einfach zu handhabenden Blogs explodierte deren Nutzerzahl und auch die Vielfalt an neuen Themen lockte immer neue Interessierte an. Gleichzeitig hat sich die Blogosphäre seit ihrer Entstehung zusehends politisiert. Nach Bewertung der Suchmaschine Yandex findet sich unter den hundert populärsten Blogusern praktisch das gesamte russische politische Spektrum wider. Vom Kremlapologeten und Redakteur der Seite Kreml.org Pawel Danilin bis hin zu führenden Kadern der oppositionellen Vereinigten Bürgerfront von Garri Kasparow, von Naziideologen bis hin zu erklärten Antifaschisten. Dort werden vor und mit dem interessierten Bloggerpublikum streitwürdige Debatten ausgetragen, für die in Russland nach wie vor kaum andere öffentliche Orte vorgesehen sind.

Der erste Wendepunkt hin zur Politisierung im Netz kam mit der „orangenen Revolution“ in der Ukraine im Winter 2005. „Ich habe angefangen das LiveJournal aktiv zu nutzen, als ich merkte, dass meine Reportagen aus Kiew in Russland niemand abdrucken wollte,“ erzählt der Journalist und aktive Blogger Vlad Tupikin. „Die russischen Medien ließen in der Überzahl nur ablehnende Meinungen zu, wenige berichteten euphorisch. Dazwischen gab es praktisch nichts.“ Die einseitige Berichterstattung staatlich kontrollierter Medien veranlasste mehr und mehr kritisch denkende Internetnutzer Position in der bis dahin weitgehend unkontrollierten Blogosphäre zu beziehen.

Der zweite Schub setzte schließlich im vergangenen November ein. Yandex startete erstmals ein komplexes Rating beliebter Blogger und einzelner Einträge. Darin spiegelten sich zwar teilweise auch Inhalte der Print- und Fernsehmedienlandschaft wider, doch der neue Service förderte in erster Linie die gezielte Verbreitung von vorzugsweise skandalträchtigen Nachrichten mit oppositionellem Hintergrund. Praktisch jede größere russische Nachrichtenredaktion durchforstet die „Top 5“ und „Top 30“ von Yandex auf der Suche nach verwertbarem Material. Der Aufwand für Blogger seinerseits hält sich in Grenzen, solange die an verschiedenen Kriterien ausgerichtete Systematik von Yandex konsequent befolgt wird.

Der Trumpf aber besteht in einem maximalen Bekanntheitsgrad des eigenen Blogs und nicht wenige junge oppositionelle Politiker erreichten durch ihre Netzaktivitäten innerhalb kürzester Zeit erhöhte Aufmerksamkeit auch außerhalb der Blogosphäre, wie beispielsweise der Chef der Jabloko-Jugend Ilja Jaschin. Das LiveJournal dürfte mittlerweile auf die Meinungsbildung junger russischer Internetuser einen größeren Einfluss ausüben als die offiziellen Medien. In der vergangenen Woche kritisierte der russische Präsident Wladimir Putin den Einfluss des Internet auf Jugendliche. Diese seien ihren „kulturellen Wurzeln“ entrissen, da lediglich 0,5 Prozent der gesamten zugänglichen Information Kunst und Kultur gewidmet seien. Im übrigen stünde das Fernsehen dem in nichts nach.

Bereits jetzt ist abzusehen, dass das Internet und insbesondere das populäre LiveJournal in den Monaten vor den Duma- und Präsidentschaftswahlen seinen Charakter zusehends dem geglätteten Mainstream anpassen wird. Zuvor lancierte Putins Präsidialadministration bereits Zeitungsprojekte für die jüngere Leserschaft wie die landesweit kostenlos vertriebene „RE:AKCIA“, deren Aufgabe darin bestand, jene zuerst mit apolitischen Nachrichten zu versorgen, um sie später auf die Linie der Kremlpartei „Einiges Russland“ einzuschwenken. Hacker verübten n Russland in den vergangenen Monaten eine ganze Reihe zielgerichteter Attacken mit deutlichem politischem Hintergrund gegen diverse oppositionelle Webseiten und Server. Lahmgelegt wurden insbesondere die Internetseite der Tageszeitung „Kommersant“ und des oppositionellen Radiosenders „Echo Moskvy“. Auch im LiveJournal waren Hackeraktivitäten gegen oppositionelle Communities zu verzeichnen.

Im vergangenen Jahr erwarb die russische Firma SUP mit den Geldern des Medienmillionärs Alexander Mamut für fünf Millionen Dollar die Rechte an der Verwaltung des kyrillischen Sektors des LiveJournal. Vorrangig sollten mit diesem Kauf einzig die spezifischen Interessen der russischen Nutzer bedient und die Serviceleistungen ausgebaut werden. Doch daneben startete SUP in der zweiten Maihälfte sein mit Yandex konkurrierendes eigenes Bewertungssystem. Nach diesem Schema fallen die oppositionellen Newsmaker in der Beliebtheitsscala weit zurück und Neulinge, die sich in der Blogosphäre erst zurecht finden müssen, werden sich von nun an wieder am gewohnten Sortiment orientieren.

ute weinmann

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