5 von 700

Über die planmäßige Vernichtung „unwerten Lebens“ durch Wehrmachtssoldaten und SS im Krieg gegen die Sowjetunion ist nur wenig bekannt. In Mikulino bei Moskau überlebten nur 5 von 700 PatientInnen das Morden der deutschen Besatzungstruppen.

Nowinki – der Begriff steht in Belarus synonym für „Irrenanstalt“. Wenn man sich im Zentrum der Hauptstadt Minsk in den Bus Nummer 18 setzt, braucht man gerade einmal eine halbe Stunde bis zum Ziel. Nowinki – so heißt auch der im Jahr 2003 eingemeindete Stadtteil im Norden von Minsk. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts unterschied sich das damalige Dorf Nowinki in keiner Weise von anderen Dörfern im damaligen zaristischen Weißrussland. Erst mit der Oktoberrevolution änderte sich der Status des Ortes grundlegend. Im Herbst 1918 wurde in dem Dorf nämlich eine so genannte psychiatrische Kolonie errichtet.

Die „1. Sowjetische Arbeitskolonie für Seelenkranke Nowinki“ hatte schnell Vorbildcharakter. Ursprünglich mit 36 Betten ausgestattet, wuchs deren Zahl bereits im Jahr 1924 auf insgesamt 100. Es entstanden neue Gebäude, ein eigener Krankenhaus- trakt und bis zum Vorabend des Zweiten Weltkrieges stieg die Bettenzahl auf 300. Mitte Juli 1944 wurde die Kolonie offiziell in ein Krankenhaus umgewandelt, das sich später zum weit über Minsk hinaus bekannten Republikanischen Krankenhaus für klinische Psychiatrie entwickelte.

Umsetzung des NS-Euthanasieprogramms in Belarus

Die Umsetzung des NS-Euthanasieprogramms begann in Nowinki gleich zu Beginn der deutschen Besatzung. Einige Patienten wurden mit Morphium ermordet. Eine größere Anzahl wurde erschossen. An dem Ort der Erschießung befindet sich heute eine Brache neben einem siebenstöckigen Gebäude mit der Anschrift Ulica Wygotskogo 17. Die größtenteils aus Holz errichteten Gebäude wurden durch Feuer zerstört. Die Weichen für weitere Mordaktionen stellte Heinrich Himmler persönlich bei einem seiner Besuche im besetzten Weißrussland. Am 15. August 1941 reiste der Reichsführer der SS nach Minsk, wo er Massenerschießungen beiwohnte, ein Kriegsgefangenenlanger und das jüdische Ghetto inspizierte und sich schließlich die „Irrenanstalt“ zeigen ließ.

Der Historiker Christian Gerlach schreibt in seinem 1999 erschienenen Buch „Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrußland 1941 bis 1944“, dass Himmler bei seinem Besuch in Nowinki dem damaligen Leiter der SS-Einsatzgruppe B, Arthur Nebe, den Auftrag erteilt habe, „die Kranken dort zu ‚erlösen’“. Andere Quellen nennen einen späteren Zeitpunkt. Himmler und Nebe sprachen unter anderem über mögliche alternative Tötungsarten anstelle von Erschießungen. Denn diese beeinträchtigten laut dem Reichs- führer der SS das seelische Wohl seiner Männer. Nebe, der auch Chef der deutschen Kriminalpolizei war und sich später dem Widerstand gegen Adolf Hitler anschloss, verantwortete die Ermordung von über 45.000 Zivilisten auf dem Gebiet der damaligen Sowjetunion. Dass sich Himmler an Nebe wandte, hatte wohl den Hintergrund, dass das Nebe unterstellte Kriminaltechnische Institut bereits vor dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion in Deutschland und Polen mit Gaswagen experimentierte.

Mit Gas und Sprengstoff

Im September 1941 veranlasste Nebe die Durchführung von Tötungsversuchen mit Gas und Sprengstoff an psychisch Kranken in der weißrussischen Stadt Mogilev etwa 200 Kilometer südöstlich von Minsk. Innerhalb von 13 Stunden wurden zwischen 500 und 600 Menschen ermordet. Am 18. September erfolgte eine Mordaktion unter Anwendung von Giftgas im Badehäuschen von Nowinki, wobei etwa 120 Kranke ums Leben kamen. Am Folgetag wurden weitere 80 Menschen, darunter auch jüdi- sche Patienten, erschossen, einige weitere wurden mit Spreng- stoff ermordet. Am 5. November 1941 wurden die letzten Patienten in Nowinki erschossen. Die Ausführenden sind unbekannt, erwiesen ist lediglich die Beteiligung von Generalkommissar Wilhelm Kube und seinem Abteilungsleiter für Gesundheit, Dr. Hans Wolfgang Weber, an dem Beschluss. Gerlach weist in seinem Buch darauf hin, dass in der Literatur die Tötungsaktionen in Minsk und Mogilev oft verwechselt werden und so fälschlicherweise der Eindruck entstehe, es handele sich um Aktionen an einem einzigen Ort. Seit Anfang Juli 2009 erinnert ein Mahnmal in Mogilev an die Ermordung psychiatrischer Patienten in der örtlichen Klinik während der deutschen Besatzung.

Die Ermordung psychisch Kranker setzte sich auch beim weiteren Vormarsch deutscher Truppen gen Osten fort. Das Dorf Mikulino liegt von Waldmassiven umgeben in einer traumhaft schönen hügeligen Gegend. Bis Moskau sind es nur etwa 150 Kilometer, doch die lärmende Metropole scheint von hier aus betrachtet auf einem anderen Planeten zu liegen. Die dichte weiße Schneedecke dämpft jedes noch so leise Geräusch und verleiht der Landschaft um die wenigen Häuser herum den Anschein von Unberührtheit. Dabei erlebte Mikulino schon im 14. Jahrhundert seine Blütezeit, bekannt ist der Ort vor allem durch seine bis heute erhaltene Kathedrale, die von einstigem Reichtum zeugt. Zu den Ereignissen, die sich im Herbst 1941 hier abgespielt haben, findet sich in den Geschichtsbüchern hingegen nicht einmal ein vager Hinweis.

Eine Kugel für jeden Patienten

Anfang Oktober 1941 erreichte die Wehrmacht den Ort auf dem Weg nach Moskau. Erst 1938, also während der Hochzeit der stalinistischen Säuberungen, wurde in Mikulino eine Kolonie für Menschen eingerichtet, die „ihre sozialen Kontakte verloren haben“. Im August 1940 erhielt die Kolonie den Status eines Krankenhauses, in vollem Umfang nahm dieses aber erst 1941 seine Arbeit auf. Bereits in den ersten Tagen der Besatzung begannen hier Tötungsaktionen.

Mehrere Augenzeugen gaben im Juli 1943 der extra einberufenen Untersuchungskommission zu Protokoll, dass die ersten Patienten, insgesamt einige Dutzend, durch Kohlenstoffmonoxid in einem dafür speziell hermetisch abgedichteten Raum vergast wurden. Die nicht näher benannten Täter seien mit dem Effektivitätsgrad dieser Methode allerdings unzufrieden gewesen. Um die Tötungen zu beschleunigen, seien im Weiteren verschiedene Gifte zur Anwendung gekommen. Die so geschwächten Patienten wurden in den Krankenzimmern eingeschlossen und ihrem Schicksal überlassen. Sie starben an den Folgen von Nahrungs- und Wasserentzug. Andere Patienten wurden in Un- terwäsche auf die Strasse gejagt und daran gehindert, die Kran- kenhausgebäude zu betreten. Die meisten von ihnen erfroren. Auf diejenigen, die sich über einige Tage am Leben halten und durch den Klinikpark bewegen konnten, eröffneten berittene Wehrmachtssoldaten die Jagd und schossen sie nieder. Die letzten 264 Patienten wurden im Verlauf einer Massenexekution erschossen. Teils unter Drohungen, teils unter dem Vorwand des Abtransports in ein anderes Krankenhaus, wurden diese Menschen an den Rand eines Abgrunds gebracht, ermordet und direkt an Ort und Stelle verscharrt.

Das Protokoll der Untersuchungskommission weist auf eine Besonderheit dieser Aktion hin. Die Deutschen hatten den als Komplizen benannten Ausführenden der Exekutionen jeweils eine Patrone pro Patient zugeteilt. Verwundete und schwache Patienten wurden lebendig begraben, offenbar um Munition zu sparen. Dem Protokoll nach haben von den etwa 700 Patienten fünf durch Glück die Tötungen überlebt. Zwei Massengräber sind bekannt. Erst nach der Befreiung konnten die über das gesamte Areal des Klinikparks verstreuten Leichen beigesetzt werden. Soweit die bekannten Fakten.

Noch bis vor kurzer Zeit wäre es möglich gewesen, Augenzeugen zu befragen, doch sind mittlerweile offenbar bereits alle damals in dem Krankenhaus Beschäftigten verstorben. Einige der älteren Dorfbewohner haben als kleine Kinder von den Vorfällen gehört. Der derzeitige Klinikdirektor, der seit 23 Jahren dieses Amt innehat, berichtete, dass er noch die Gelegenheit hatte, mit überlebenden Patienten zu sprechen. Aufzeichnungen liegen darüber nicht vor, aber die Aufzeichnung eines Interviews mit dem Direktor könnte zumindest dessen Erinnerungen an jene Patienten erhalten.

Ute Weinmann

Zeitschrift «Zeichen» Nr. 1, Frühjahr 2010

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