Tödlicher Irrtum

Entgegen ihren Angaben verfügten wahrscheinlich auch die Separatisten in der Ostukraine über Waffensysteme, die den Abschuss des malaysischen Passagierflugzeugs ermöglicht hätten.

Über die Umstände des Absturzes einer Boeing 777 der Fluggesellschaft Malaysia Airlines auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur am späten Nachmittag des 17. Juli im Osten der Ukraine lassen sich bislang keine gesicherten Angaben machen. Alles spricht für einen Abschuss durch eine Rakete vom Typ Buk. Etwa zehn Minuten vor Verlassen des ukrainischen Luftraums in Richtung Russland verschwand das Flugzeug von den Radaren. Die Trümmer der Maschine und Leichen von 298 Menschen, denen egal gewesen sein dürfte, wer im ukrainischen Donezk das Sagen hat, liegen auf einem weitläufigen Gebiet verteilt, das von aufständischen Einheiten der Donezker »Volksrepublik« kontrolliert wird.

Von welchem Ort ein eventueller Raketenabschuss erfolgte, ist allerdings noch unklar, umso mehr Raum bleibt für Spekulationen und gegenseitige Schuldzuweisungen. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko beeilte sich, die Verantwortung für den Flugzeugabschuss bei den separatistischen Kräften zu suchen, die ihrerseits jegliche Beteiligung abstreiten und behaupten, für Luftangriffe in zehn Kilometer Höhe fehlten ihnen die entsprechenden Voraussetzungen. Unterstützung erhielt die Kiewer Zentralregierung durch US-Präsident Barack Obama, der, allerdings ohne Beweise vorlegen zu können, mitteilte, die Rakete sei von dem durch die Aufständischen besetzten Gebiet aus abgeschossen worden.

Mehrere vom ukrainischen Inlandsgeheimdienst SBU veröffentlichte Mittschnitte von Gesprächen zwischen mit Decknamen genannten Sepa­ratisten sowie zwischen einem ihrer Kommandeure, dem vormaligen Angehörigen der russischen Streitkräfte, Igor Besler, und einem Offizier des russischen militärischen Geheimdienstes GRU weisen in die gleiche Richtung. Darin kommt die deutliche Verwunderung zum Ausdruck, dass es sich um ein ziviles Passagierflugzeug handelte. Der militärische Anführer der Separatisten, Igor Strelkow, meldete im sozialen Netzwerk VKontakte etwa zu dem Zeitpunkt, als die Boeing abstürzte, den Abschuss einer ukrainischen Transportmaschine AN-26.

Der russische Präsident Wladimir Putin schreibt indes die volle Verantwortung für den Abschuss der ukrainischen Führung zu. Nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums liegen die Flugroute und der Absturzort der malaysischen Passagiermaschine in der Reichweite zweier Abwehrraketensysteme der ukrainischen Streitkräfte vom Typ S-200 und weiterer drei Systeme vom Typ Buk-M. Zeitweilig wurden Vermutungen laut, wonach die Boeing von ein oder zwei ukrai­nischen Jagdflugzeugen begleitet worden sei, von denen aus womöglich eine Rakete abgefeuert worden sei. Außerdem zweifelte das Ministerium die Angaben aus Kiew an, wonach ukrainische Einheiten am 17. Juli keinerlei Luftziele angegriffen hätten. Entgegengesetzte Beschuldigungen seitens der ukrainischen Regierung, die eine Verantwortung des russischen Militärs nicht ausschließen will, dementierte die russische Seite: An jenem Donnerstag hätten die russischen Luftstreitkräfte in der an Donezk angrenzenden Region keine Einsätze geflogen.

Bis hinreichende Ergebnisse einer internationalen Untersuchung des Vorfalls vorliegen, wird wohl noch einige Zeit vergehen. Eine Expertenkommission der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) wurde mit Nachforschungen an Ort und Stelle betraut, aber Zugang erhalten sie nur eingeschränkt. In dem Gebiet wird weiter gekämpft, für einen Waffenstillstand sieht Strelkow keine Notwendigkeit.

Solange keine gegenteiligen Beweise vorliegen, muss wohl davon ausgegangen werden, dass theoretisch sowohl ukrainische Streitkräfte als auch Einheiten der aufständischen »Volksrepub­liken« die Rakete auf das Flugzeug abgeschossen haben könnten. Denn entgegen anderslautender Versicherungen Letzterer verfügen sie inzwischen sehr wohl über die nötigen technischen Voraussetzungen. Zumindest deuten darauf etliche Hinweise. So gratulierte der russische Staatssender Rossija 1 Ende Juni aufständischen Kräften in Donezk zur Einnahme einer ukrainischen Luftabwehreinheit, die unter anderem auch über Raketensysteme vom Typ Buk verfügte. Ein Sprecher der ukrainischen Streitkräfte teilte allerdings mit, dass die Separatisten nur eine einzige Buk erbeuten konnten, die zudem nicht einsatzbereit sei.

Außerdem weist der russische Militärbeobachter Pawel Felgenhauer darauf hin, dass sich die Situation an der ukrainisch-russischen Grenze in der Woche vor dem Unglück grundlegend verändert habe. Den Versuchen der ukrainischen »Antiterroreinheiten«, russische Waffenlieferungen an die Aufständischen zu unterbinden, begegne Russland mit immer mehr Nachschub, darunter auch vermehrt hochtechnologisches Kriegsgerät. Dadurch sei der Abschuss einer ukrainischen AN-26 in über sechs Kilometer Höhe am 14. Juli erst ermöglicht worden. Noch effektivere Raketensysteme könnten leicht aus der Krim in den Donbass geschafft worden sein. An den gezielten Abschuss eines zivilen Flugzeugs mag indes auch er nicht glauben. Eher schon ähnelt der Absturz einem Vorfall aus dem Jahr 2001, als ukrainische Streitkräfte aus Versehen ein russisches Passagierflugzeug abgeschossen hatten, das auf dem Weg von Tel Aviv nach Nowosibirsk war.

Ob eine gezielte Provokation oder ein Versehen – der bewaffnete Konflikt im Osten der Ukraine nimmt immer heftigere Ausmaße an. Russlands Führung mag sich von der Eskalation mehr po­litischen und ökonomischen Einfluss in der Ukraine erhofft haben, aber der nun erreichte Schaden dürfte kaum zum Kalkül gehören. Die militärischen Anführer der Separatisten wiederum gleichen immer mehr Amokläufern.

Ute Weinmann

http://jungle-world.com/artikel/2014/30/50275.html

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