«Das gehört eigentlich uns»

Um es gleich klarzustellen: Auf Deutsche treffe ich in Moskau höchst selten und wenn, dann nur an bestimmten Orten. Das ist zunächst einmal nur eine Feststellung. Wenn ich kurz darüber nachdenke, stellt sich unweigerlich der Verdacht ein, das habe womöglich damit zu tun, dass ich den Deutschen aus dem Weg zu gehen versuche. Immerhin bilden die Deutschen unter den Westausländern die größte Bevölkerungsgruppe. In Russland leben also mehr Deutsche als US-Amerikaner. Andererseits finden sich in Moskau deutlich weniger Deutsche als in Kreuzberg, glaube ich zumindest, auch wenn so mancher Russe mit oder ohne Ortskenntnis behauptet, dort lebten ausschließlich Türken. Jedenfalls ist es statistisch nicht ganz unwahrscheinlich, in Moskau nur ausnahmsweise auf Deutsche zu treffen.

Ganz sicher jedoch trifft man sie, wenn man von Moskau nach Berlin fliegt, und zwar größtenteils den Typ Anzugträger. Spricht man sie auf Russisch an, folgt darauf nicht unbedingt eine Antwort, aber auch auf Deutsch ist die Kommunikation oft wenig einladend. Deutsche haben eine Art, sich persönliche Vorteile zu sichern, beispielsweise in einer Schlange vor der Passkontrolle oder bei der Platzierung ihrer schicken Gepäckstücke in der Ablage über den Sitzen, die an Überheblichkeit grenzt. Zwar habe ich auch kein großes Faible für die vielen Russen eigene anarchische Hau-Drauf-Mentalität, aber der Umgang damit fällt mir erheblich leichter. Zum Glück gehört die großkotzige deutsche Angeberei, wie sie im frühen kapitalistischen Russland zu Beginn der »draufgängerischen« neunziger Jahre verbreitet war, im Wesentlichen der Vergangenheit an. Inzwischen hat es schließlich etliche Vertreter dieser Spezies hierher verschlagen. Sie alle haben notgedrungen zahlreiche Erfahrungen mit wechselndem Mitteilungswert in diesem Land gesammelt, das für Westausländer über Jahrzehnte hinweg praktisch nur in ständiger Begleitung speziell geschulter Intourist-Kader zugänglich war, sodass der Austausch über hiesige Gegebenheiten und Absurditäten gepaart mit dem eigenen (Un-)Vermögen der Annäherung an Russlands Besonderheiten seinen ursprünglichen Sinn und Zweck verlor. Der Reiz, sich über den zum Alltag gewordenen Ausnahmezustand zu mokieren, reicht nicht an das Gefühl heran, sich als Eroberer nach dem Ende der sowjetischen Ära des sich im Osten unendlich ausdehnenden Lebensraums zu fühlen. Womit wir beim unvermeidlichen Thema angekommen wären: Nämlich wie die Aufarbeitung deutscher Verbrechen während des Vernichtungskriegs gegen die Sowjetunion in wenig originelle Versuche mündet, den mentalen Anschluss an das von Deutschland verursachte Desaster zu finden, das angesichts der riesigen Opferzahlen und materiellen Verluste für die Sowjetunion zur existenzbedrohenden kollektiven Belastungsprobe geriet, die bis heute nachwirkt.

Beutekunstausstellungen in der Eremitage in St. Petersburg ziehen immer wieder unzählige Besucher an, darunter auch jede Menge deutschsprachige Touristen. Verwerflich scheint deren Interesse an verschollen geglaubten Kunstgegenständen zunächst nicht, solange sie sich nicht in der Saalmitte positionieren mit der unzweideutigen Aussage: »Das gehört doch eigentlich uns.« So direkt würde das der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge wohl nicht ausdrücken, doch deren Vertreter in Wolgograd brachte es seinerzeit immerhin fertig, auf meine Frage nach den Reaktionen lokaler russischer Veteranenverbände auf das damals in Planung befindliche Projekt eines deutschen Soldatenfriedhofs in der Steppe mit einem lakonischen Spruch zu reagieren, ganz so, als sei die Auseinandersetzung ohne erwähnenswerte Komplikationen verlaufen. Dem war ganz und gar nicht so, aber der deutsche Friedhof existiert inzwischen, ein bescheidener gehaltenes russisches Äquivalent befindet sich auf der gegenüberliegenden Seite der bei winterlichen Schneestürmen kaum befahrbaren Straße. Und die Aufschrift der mit deutschen Geldern finanzierten Gedenktafel hat es in sich: Demnach hat die beiden Dörfer, die einstmals auf diesem Friedhofsgelände existierten, der »Sturm des Krieges« schlicht »hinweggefegt«. So einfach ist das. Nein, mit den russischen Veteranen sei der Umgang gerade hinsichtlich des Großen Vaterländischen Kriegs ganz und gar nicht leicht. Die haben ihren ganz eigenen Kopf und lassen sich nicht gerne von den Deutschen vorschreiben, woran und wie sie zu gedenken haben. Die Weißrussen seien in dieser Hinsicht viel umgänglicher, teilte mir vor etlichen Jahren der damalige deutsche Botschafter in Minsk bei einem Gespräch mit. In Weißrussland haben die Deutschen ihre Lektion nicht nur gelernt, sondern befolgen sie in vorbildlicher Weise. Da gehen deutsche Kapitalinteressen Hand in Hand mit maßvollem Schuldbewusstsein und leidlicher Interessensbekundung an dem wenig rühmlichen Kapitel deutscher Präsenz in der Partisanenrepublik.

Überhaupt geht es in den deutschen Auslandsvertretungen auf vormaligem sowjetischen Territorium merkwürdig zu, jedenfalls soweit ich das ausgehend meiner bescheidenen sporadischen Begegnungen beurteilen kann. Die deutsche Botschaft in Moskau ist die größte weltweit. Bis hin zur Türklinke ist alles deutsch. Und dort muss man Liebhaber der jüngeren deutschen Vergangenheit nicht mit der Lupe suchen. Auf der Suche nach einem deutschsprachigen Gegenüber am Stehtisch verwickelte mich einmal ein bereits angetrunkener Mann im Anzug in einen Monolog, der mich in die Rolle der Zuhörerin verwies. Schnell wurde klar, er war ein stellvertretender Militärattaché. Spezialist für den Osten sei er, kenne sich da gut aus. Aha. Aber seine Lieblingsregion sei immer noch Ostpreußen. Meinen stoischen Blick interpretierte er als Unkenntnis. Daraufhin fügte er hinzu: »Wissen Sie, das war mal deutsch.« Bald darauf war ich den von Glanz und Gloria alter Zeiten besessenen Trunkenbold glücklicherweise los. Als eloquenter erwies sich ein deutscher Botschafter, der bei der Präsentation eines Buchs über den Holocaust auf sowjetischem Gebiet während seiner Rede nichts anderes zu tun wusste, als die Geschichte seines Onkels zu erzählen, der irgendwo in der hessischen Provinz in der Eigenschaft eines Dorfbürgermeisters einem jüdischen Mitbürger, wie das heute heißt, das Leben gerettet haben soll. So will es die Familienlegende. Mir graut vor dieser Region, seit ich die unter dem Titel »Der rauchende Berg« von der amerikanischen Schriftstellerin Kay Boyle verfassten Geschichten aus Nachkriegsdeutschland gelesen habe. Aber das tut ja nichts zur Sache. Mag sein, dass die Geschichte, die der Typ erzählte, wahr ist, aber deplatziert war sie auf jedem Fall.

Selbstverständlich treiben sich Deutsche in Moskau nicht nur in der Botschaft herum, das sehe ich ja an mir selbst. Gelegentlich treffe ich rein zufällig sogar auf deutsche Journalisten. Die allerdings rümpfen bei Erwähnung der Jungle World gerne mal die Nase, bestenfalls ruft das bei ihnen ein mitleidiges Lächeln hervor. Belächeln könnte ich die anderen auch, aber es bereitet mir nicht die geringste Freude, so lasse ich es einfach. Nun komme ich wider Erwarten zu dem Schluss, neben einer Handvoll wertgeschätzter Expats doch einer unverdau­lichen Menge Deutscher in Russland begegnet zu sein. Davon muss ich mich erst mal bei einem russischen Wodka erholen. Oder doch besser Wodka aus der Ukraine. Das ist in vielen Kreisen zwar nicht mehr comme il faut, er schmeckt aber besser.

Ute Weinmann

http://jungle-world.com/artikel/2014/35/50499.html

 

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