Ein Bekennerschreiben per «Telegram»

Ein Siebzehnjähriger legte einen Sprengsatz im Gebäude des russischen Geheimdiensts FSB – aus Solidarität mit jungen Aktivisten, die vom FSB gefoltert wurden. Der Jugendliche kam beim Anschlag ums Leben.

Am frühen Morgen des 31. Oktober explodierte in einem Gebäude des russischen Inlandsgeheimdiensts FSB im nordrussischen Archangelsk ein Sprengsatz. Drei Mitarbeiter der Behörde trugen Verletzungen davon, ein junger Mann, der die Explosion ausgelöst hatte, starb. Es dauerte nicht lange, bis dessen Identität feststand: Michail Zhlobitski, siebzehn Jahre alt, Schüler einer technischen Berufsschule. Seine Tat hatte er keine zehn Minuten vor Betreten des Gebäudes über einen Kanal im Messengerdienst Telegram angekündigt. Auch über seine Motivation wollte er keine Zweifel aufkommen lassen. Unter dem Pseudonym Walerjan Panow wandte er sich an Gleichgesinnte mit der Bitte, zu verbreiten, wer den Anschlag verübt habe und weshalb. Der FSB fabriziere Strafsachen und wende Folter an. Zum Schluss wünscht er eine «glänzende Zukunft des anarchistischen Kommunismus».

Hinkende Vergleiche

Der Fall scheint klar zu liegen, zumindest hinsichtlich der politischen Ideen des Schülers. Einer Gruppe gehörte er nicht an, und Bekannte charakterisieren ihn eher als Einzelgänger. Über Telegram fand er indes einen Kanal, der ihm eine Plattform zum Austausch bot. Als politische Tat werten den Vorfall jedoch längst nicht alle. So finden sich zuhauf Einschätzungen über versteckte Motive für einen Selbstmord und zweifelhafte Parallelen, wie etwa zum Amoklauf eines Studenten auf der Krim Mitte Oktober oder zum Schussangriff eines Neonazis in einem FSB-Gebäude in Chabarowsk im Frühjahr 2017. Solche Vergleiche hinken aber schon deshalb, weil sich Zhlobitski in seiner Nachricht offenbar auf die Repression gegen elf junge Antifaschisten und Anarchisten in Pensa und St. Petersburg bezieht, die als vermeintliches «Netzwerk» zahlreiche Anschläge geplant haben sollen. Und gegen die der FSB Foltermethoden angewendet hat.

Die Ermittlungsbehörden stuften den Anschlag in Archangelsk als Terrorakt ein und suchten nach Hinweisen auf etwaige MittäterInnen. Fündig wurden sie in Moskau. Ein vierzehn Jahre alter Schüler soll bis kurz vor der Tat mit Zhlobitski in Kontakt gestanden und ihn ausserdem mit hilfreichen Anleitungen zum Bombenbau versorgt haben. In der elterlichen Wohnung des Vierzehnjährigen wurden Komponenten für den Bau von Sprengsätzen sichergestellt, wie sie in Archangelsk Verwendung gefunden hatten. Kyrill, sein Nachname ist unbekannt, sympathisiert ebenfalls mit dem Anarchismus. Am 4. November, an dem NationalistInnen und Neonazis alljährlich zum «Russischen Marsch» mobilisieren, habe er es knallen lassen wollen. Jetzt steht er unter Arrest.

Netzbekanntschaften im Visier

Möglich, dass der FSB noch weitere Kontakte ausfindig macht. Nach einer gezielten Suche sehen die staatlichen Ermittlungen allerdings nicht aus: So werden etwa massenhaft NutzerInnen oppositioneller Chats vorgeladen, beispielsweise in Krasnodar im Süden Russlands. Konstruiert wird dabei die «Bildung einer terroristischen Vereinigung» einzig aufgrund loser Netzbekanntschaften – so auch im Fall des «Netzwerks».

Während die drei Petersburger Inhaftierten noch auf die Vorlage der endgültigen Anklageschrift warten, laufen in Pensa bereits die Vorbereitungen für den Prozessbeginn, der Anfang des kommenden Jahres ansteht. Dmitri Ptschelintsew und Ilja Schakurski droht wegen Rädelsführerschaft eine Haftstrafe von bis zu zwanzig Jahren.
Die regelmässigen Demonstrationsverbote und das immer repressivere Vorgehen der Strafverfolgungsbehörden haben in den vergangenen Jahren in praktisch allen politischen Spektren Russlands tiefe Spuren hinterlassen: Die Aktivitäten anarchistischer und antifaschistischer Gruppen sind fast zum Erliegen gekommen.

Michail Zhlobitski, der sich laut seiner Grossmutter gegen den Armeedienst aussprach, um nicht Reiche schützen zu müssen, die Volksvermögen privatisierten und ihr Geld in Offshorezonen lagerten, hat nun posthum Bekanntheit erlangt. Kiewer AnarchistInnen sehen in ihm bereits einen Märtyrer und würdigten ihn mit einer riesigen Aufschrift an einer Betonwand als Helden.

ute weinmann

WOZ

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