Bis zum Hals im Eimer

Mit Humor und Performances protestieren Dissidenten gegen die autoritären Verhältnisse in Russland – doch die Staatsmacht versteht keinen Spaß und geht auch gegen Kunstaktionen repressiv vor.

»Vorsicht, zerbrechlich!« Diese Aufschrift kennt man auch in Russland als Warnung auf einem gewöhnlichen Paket, dessen Inhalt vor rabiater Behandlung beim Transport geschützt werden soll. Doch dieses Mal kommt das gelbe Warnband nicht auf der Post oder im Geschäft zum Einsatz, sondern vor den Mauern des Kremls in Moskau. Zwei Frauen in weißen Kleidern mit blauem Folkloremuster, Puffärmeln und weit schwingenden Röcken, geschmückt mit einem Kokoschnik, der klassischen russischen Kopfbedeckung bei festlichen Anlässen, gehen flink und mit ­geübten Handgriffen vor. Sie umwickeln mit dem Band eine behelmte Person in schwarzer Uniform, wie sie Angehörige von polizeilichen Sondereinheiten bei Einsätzen auf Demonstrationen tragen, und fesseln sie mit dem Rücken an einen hohen Laternenpfahl.

Eine der beiden Frauen, Marija Aljo­china, Mitglied der politischen Performance-Gruppe Pussy Riot, bekannte sich auf Twitter zu der Aktion, die sich gegen Polizeigewalt und Folter rich­tete. Sie nahm Bezug auf die Moskauer Proteste im Sommer 2019 gegen den Ausschluss oppositioneller Kandidaten von den Stadtratswahlen, die für viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Verurteilungen zu mehrjährigen Haftstrafen endeten. Das Gericht stufte Papierbecher und Plastikflaschen, die in Richtung der als Geschädigte auftretenden Polizisten geflogen waren, als Waffen ein. Die Gewalt gehe jedoch von der Polizei aus, stellte Aljochina klar, die nach einer Aktion von Pussy Riot in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau 2012 eine knapp zweijährige Haftstrafe hatte verbüßen müssen. Ihre Botschaft endet mit der Floskel: »Ich diene Russland, ich diene dem Volk!« So lautet auch die offizielle Losung der Staatsbediensteten.

Für humorvolle Kritik an den bestehenden Verhältnissen hat die Polizei indes wenig übrig. Marija Aljochina, Mar­garita Konowalowa und der Fotograf Gleb Kusnezow wurden Anfang Dezember, mehrere Tage nach der Aktion, festgenommen. Margarita Konowalowa wurde wegen mehrfachen Verstoßes gegen das Versammlungsrecht zu 20 Tagen Administrativhaft verurteilt, Marija Aljochina muss umgerechnet 170 Euro Bußgeld zahlen.

Pussy Riot machen immer wieder mit kreativen Aktionen von sich reden. Am 7. Oktober überreichten die Mitglieder Präsident Wladimir Putin Geburtstagsgrüße der besonderen Art. »Wir haben darüber nachgedacht, was wir Ihnen schenken könnten, aber Sie haben ja schon alles«, schrieb die umtriebige Gruppe auf Facebook. Doch der Präsident lebe ja nicht alleine in Russland, deshalb wollten sie Freiheit und Liebe schenken, forderten die ­Legalisierung gleichgeschlechtlicher Ehen und die Aufklärung der Entführungen von Homosexuellen in Tschetschenien. Um es nicht bei Worten zu belassen, kam noch eine symbolische Komponente hinzu: Termingerecht zum Geburtstag Putins hissten Mitglieder von Pussy Riot Regenbogenfahnen an den Zentren der russischen Staatsmacht – darunter der Hauptsitz des Inlandsgeheimdienstes FSB, das Präsidialamt und das Oberste Gericht.

Politische Aktionskunst – ob mit oder ohne humoristische Note – ist in Russland erheblichen Einschränkungen unterworfen, unangemeldete Versammlungen werden staatlicherseits nicht erst seit Beginn der Covid-19-Pandemie grundsätzlich ungern gesehen. Aktivistinnen und ­Aktivisten, wie der vor fünf Jahren tödlich verunglückte Leonid Nikolajew, besser ­bekannt als »verrückter Ljonja«, bedienen sich häufig unpolitisch erscheinender Symbole.

Unvergesslich bleibt sein Auftritt im Mai 2010, als er unvermittelt auf eine unweit des Kremls an einer stark befahrenen Straße stehende schwarze Limousine des präsidialen Sicherheitsdienstes kletterte. Von der Motorhaube aus balancierte er mit traumwandlerischen Sicherheit über das Dach, sehen konnte er fast nichts – sein Kopf steckte bis zum Hals in einem blauen Eimer. Dieses Symbol hatte er von einer Protestbewegung übernommen, die damals gerade erst entstanden war. Die blauen Eimer stehen für Blaulichter, die etliche privilegierte Staatsdiener gerne nutzen, um auch zu privaten Zwecken die zugelassene Höchstgeschwindigkeit zu überschreiten, was zu einer Reihe tödlicher Un­fälle führte. Nikolajew setzte sich damals nach St. Petersburg ab, um sich der drohenden Strafverfolgung zu entziehen. In einem Interview erklärte er später, im Westen hätten viele seine Aktion als Witz verstanden, dabei sei es ihm darum gegangen, auf die Blaulichter als Symbol für die Überheblichkeit der Mächtigen, die in ihre Schranken verwiesen werden müssten, aufmerksam zu machen.

2004 nahm in Nowosibirsk ein Projekt seinen Anfang, das sich als erstaunlich langlebig erwies und bis heute auch in anderen russischen Städten starken Anklang findet. Eine kritische Künstlergruppe beschloss damals, die sinnentleerten traditionellen Demonstrationen am 1. Mai durch eine »Monstration« ad absurdum zu führen. Ein Schuhfabrikant hatte seine Belegschaft am 1. Mai unter dem Label seiner Firma auf die Straße geführt, die »Monstra­tion« wartete mit Losungen wie »Ach« oder »Irgendwie so« auf. Liberale und viele, die der alten Rituale überdrüssig waren, frohlockten, sie sahen darin einen Versuch, mit der überholten Symbolik des zu Sowjetzeiten pompös begangenen 1. Mai endgültig zu brechen.

Die »Monstration« ist allerdings ­keineswegs ein unpolitisches Phänomen. 2014 beispielsweise lautete das Motto »Die Hölle gehört uns!« – in Anlehnung an »unsere Krim«, die Russland gerade annektiert hatte. Diese Anspielung erklärt auch, weshalb das Verhältnis zwischen Veranstaltern und Behörden nicht immer konfliktfrei war. Da Einschränkungen der Versammlungsfreiheit, Willkür und Polizeigewalt bei jeglicher Form politischer Tätigkeit erlebt werden, werden diese Themen immer wieder aufgegriffen. Artjom Loskutow, einer der Erfinder der »Mons­tration«, kreierte vor einigen Jahren das Genre der »Schlagstockmalerei«. Statt mit einem Pinsel trägt er Farben mit einem Polizeiknüppel auf. So entstanden eindrucksvolle Darstellungen der russischen Trikolore, jüngst präsentierte er seine Version der Fahne, deren roter Mittelstreifen auf weißem Hintergrund wie Striemen von Peitschenhieben aussieht, der belarussischen Opposition.

Die meisten Aktivitäten haben sich inzwischen ins Internet verlagert, das mehr Anonymität ermöglicht. Bis zum Frühjahr 2019 war Aleksandr Gorbunow in der Öffentlichkeit unbekannt, obwohl sein Twitter-Account eine Million Follower hatte und Hunderttausende seine sarkastischen Erläuterungen der politischen und gesellschaftlichen Zustände in Russland beim Messenger-Dienst Telegram verfolgten. Doch wusste kaum jemand, wer sich hinter den Pseudonymen »Stalingulag« und »Sanja aus Dagestan« verbarg. Erst nach einer Hausdurchsuchung bei seinen Eltern in seiner Herkunftsstadt Machatsch­kala am Kaspischen Meer outete sich der 28jährige als studierter Jurist, der von Kindheit an im Rollstuhl sitzt. Da nun jeder sein Gesicht kannte, begann er mit wöchentlichen Zusammenfassungen ausgewählter Nachrichten ein weiteres erfolgreiches Projekt auf You­tube. Als die Raumfahrtbehörde Ros­kos­mos kürzlich auf ihrer Website eine Rubrik mit von ihrem Leiter Dmitrij Rogosin komponierten Liedern einrichtete, spottete Sanja: »Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein gigantischer Sprung für die Menschheit.«

ute weinmann

Jungle World

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