Im Reich ohne Moral

Der renommierte Theatermann Konstantin Bogomolow schiesst in der liberalen «Nowaja Gaseta» gegen einen «Queersozialismus», der in Russland angeblich drohe. Worum geht es in dieser grotesken Debatte?

Europa ist dem Untergang geweiht: Diese Schlussfolgerung legt ein Text mit dem reisserischen Titel «Entführung Europas 2.0» nahe, der Mitte Februar in Russlands liberal gesinnten intellektuellen Kreisen einen regelrechten Sturm der Empörung ausgelöst hat.

Darin ist von einem «neuen ethischen Reich» die Rede, das den Menschen auf Liebesbezeugungen pole und ihm das Recht auf freie Hassbekundungen abspreche. In der Selbstkastrierung liege die einzige Chance, zu überleben. Europa sei von einem «Queersozialismus» in Beschlag genommen, einer modernen Abart des Nationalsozialismus und des Bolschewismus. Dieser imaginierten Apokalypse stellt der Autor wilden, ungezügelten Sex als Sinnbild für persönliche Freiheit gegenüber.

Russland befinde sich am Ende eines Zuges, der unausweichlich der Hölle entgegenrase, wo multikulturelle, genderneutrale Teufelchen auf die Ankunft der PassagierInnen warteten. Da bleibe nur eins: den Waggon abkoppeln und das verlorene Europa wiederbeleben. Es ist das bodenlose Pamphlet eines weissen Mannes, der in schäbiger Manier alles auszukotzen scheint, was ihm gerade in den Sinn kommt. Ausgehend von den vermeintlich gescheiterten Beziehungen zwischen Russland und dem westlicheren Europa und vom ausgiebig kolportierten Motiv der russischen Ablehnungserfahrung, die er einem Trauma gleichstellt, bemüht der Autor das märchenhafte Ideal eines Vorkriegseuropas von schöpferischen Kreaturen, die über allen Dingen stehen.

König Lear im Kreml

Warum seine Zeit mit derartiger Schundlektüre vergeuden? Gut möglich, dass es kaum ein Echo gegeben hätte, wäre das Machwerk nicht auf einer Doppelseite des liberalen Oppositionsblatts «Nowaja Gaseta» erschienen, bekannt für seine konsequent kremlkritische Haltung. Dort gingen darauf massenweise Diskussionsbeiträge ein. Selbst Wiktor Jerofejew, einer der bekanntesten russischen Schriftsteller, und der international ausgezeichnete Regisseur Andrei Swjaginzew liessen sich aus der Reserve locken, was einer finanziell angeschlagenen Zeitung nur dienlich sein kann. Die Redaktion platzierte ausserdem auf der Titelseite einen von über 500 Personen unterzeichneten Antwortbrief, der schlicht aus den Worten «Ok, Boomer» bestand.

Dass der Autor einfach nichts verstanden hat, wie es der Brief suggeriert, ist allerdings nicht gesagt: Verantwortlich für das Pamphlet ist Konstantin Bogomolow, künstlerischer Leiter des Moskauer Theaters in der Malaja-Bronnaja-Strasse, der einst als Erneuerer der russischen Theaterszene angetreten war. Als Regisseur experimentierte er mit getauschten Genderrollen und versetzte Shakespeares «King Lear» in den Moskauer Kreml der Kriegszeit, angereichert mit Friedrich Nietzsches Philosophie und Gedichten von Paul Celan. Man nannte Bogomolow in einem Atemzug mit Kirill Serebrennikow, der in manchen Augen den eingangs skizzierten europäischen Albtraum im russischen Kulturbetrieb verkörpert und im Juni 2020 nach einem absurden Prozess wegen Veruntreuung zu einer dreijährigen Bewährungsstrafe verurteilt wurde.

Bogomolow gefällt sich in der Rolle des Enfant terrible, doch seine Art, zu provozieren, flacht in gleichem Masse ab, wie er sich auf den Staat zubewegt. Bei den Moskauer Bürgermeisterwahlen outete er sich einst als Unterstützer des Oppositionellen Alexei Nawalny; Jahre später wechselte er die Seiten und trat für das aktuelle Stadtoberhaupt Sergej Sobjanin ein. Seine Lebensgefährtin Xenija Sobtschak mäandert ihrerseits zwischen oppositionellen Attitüden und dem sicheren Hafen der Mutter, die einen guten Draht zu Wladimir Putin pflegt.

Gehts um Nawalny?

In vereinfachter Lesart mögen Bogomolows Schreckfantasien dazu dienen, seine Loyalität öffentlich unter Beweis zu stellen, als Bittstellung um Staatshilfe, aber das wäre zu profan. Spekulationen, wonach nicht er, sondern der kulturbeflissene Wladislaw Surkow – einst hochrangiger Mitarbeiter der Präsidialverwaltung und in eine von Bogomolows jüngsten Inszenierungen involviert – das Manifest verfasst haben soll, bestritten beide. Surkow stellte in einem Statement klar, die korrekte Deutung bestehe darin, dass sein Theaterfreund sich endgültig von Nawalny distanziert habe.

Im Kern geht es folglich um einen Kulturkampf als Politikersatz. Denn über Politik darf insbesondere im Vorlauf der für September angesetzten Dumawahlen kaum offen debattiert werden. Mit weiteren Initiativen ist zu rechnen. Zwischenzeitlich lief eine von emotionalen Diskussionen begleitete und nach wenigen Tagen wieder abgebrochene Abstimmung darüber, was für ein Denkmal vor dem Hauptsitz des Geheimdiensts errichtet werden sollte. Zur Wahl standen Feldherr Alexander Newski und Felix Dzierzynski, Gründer der ersten sowjetischen Geheimpolizei.

Alternativlos thront über allem der Putinismus, der als Kulturphänomen längst sämtliche Gesellschaftsschichten durchdrungen hat. Er steht für die Befreiung von Moral, von der viel beschworenen Sklavenmentalität, die Europa in Beschlag genommen habe und Russland in seiner Existenz bedrohe. Bogomolow hat bestenfalls formuliert, was Millionen für wahr halten. Dagegen anzureden, ist die eigentliche Herausforderung.

ute weinmann

WOZ

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