Eine Bombe vom Emir

Nach einem Attentat liegt Junus-bek Jewkurow, der Präsident Inguschetiens, im Koma. In seiner kurzen Amtszeit hatte er nicht nur mit Jihadisten zu kämpfen.

Der Explosion konnte der gepanzerte Mercedes des Präsidenten Junus-bek Jewkurow nicht standhalten. Ein Selbstmordattentäter zündete am 22. Juni eine in seinem Auto deponierte Bombe mit einer Sprengkraft von 70 Kilogramm TNT. Ein Bewacher verstarb an Ort und Stelle, der Fahrer später im Krankenhaus. Jewkurow überlebte den Anschlag schwer verletzt und und fiel ins Koma. Sein Leibwächter und jüngerer Bruder kam mit weniger schwerwiegenden Verletzungen davon. Nicht einmal acht Monate war Jewkurow als Präsident der russischen Kaukasusrepublik Inguschetien im Amt.

Über die Urheber des Attentats musste nicht lange spekuliert werden, auch wenn die genauen Umstände bislang ungeklärt sind. In einem Bekennerschreiben nahm ein Kommando mit dem Namen »Rijadus Salichijn« die Verantwortung auf sich, das dem so genannten Kaukasischen Imarat angehört. Dessen »Emir« Doku Umarow hat sich bereits im ersten Tschetschenien-Krieg (1994 bis 1996) als Warlord einen Namen gemacht. Zahlreiche Entführungen gingen auf sein Konto, im Jahr 2005 erfolgte seine Ernennung zum Präsidenten der von Islamisten ausgerufenen separatistischen tschetschenischen Republik Itschkerija. Doch reichen Umarows Ambitionen längst weit über die Grenzen Tschetscheniens hinaus.

Das hat er mit dem offiziellen tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow gemein. Immer wieder wird in Tschetschenien eine Vereinigung mit dem benachbarten Inguschetien gefordert. Dort lösen solche Äußerungen wenig Begeisterung aus. Die unter Stalin erfolgte Zwangs­vereinigung dauerte mit einer kurzen Unterbrechung bis zum Zerfall der Sowjetunion fort. Danach trennten sich die Republiken. Während die tschetschenische Führung nach staatlicher Unabhängigkeit strebte, blieb Inguschetien unter Präsident Ruslan Auschew loyal gegenüber der Moskauer Zentralregierung, bestand aber auch auf einer eigenständigen Politik.

Niemand nahm so viele Flüchtlinge aus der benachbarten Republik auf wie Auschew, der es trotz der schwierigen Bedingungen geschafft hatte, sich nicht in den Kampf der Separatisten hineinziehen zu lassen. Noch immer ist Au­schew, den die russische Regierung schließlich im Jahr 2002 gegen Murat Zjazikow austauschen ließ, in Inguschetien populär. Unter Zjazikows Führung blühte in Inguschetien die Korruption, es häuften sich Entführungen und Vergeltungsaktionen. Wer hinter diesen Gewalttaten steckt, lässt sich längst nicht immer nachvollziehen.

Zjazikow wurde untragbar, im Herbst 2008 entschied die russische Regierung, ihn durch Junus-bek Jewkurow zu ersetzen. Das war wohl eine der besten Kaderentscheidungen im Nordkaukasus in den vergangenen Jahren. Jewkurow hatte eine Offizierskarriere im Militärgeheimdienst durchlaufen und hielt sich meist außerhalb von Inguschetien auf. Dennoch war er bei seinem Amtsantritt bestens mit den Verhältnissen dort vertraut. Anders als sein Vorgänger suchte er den Kontakt zur Bevölkerung und bemühte sich um größtmögliche Transparenz. Er traf sich mit Angehörigen Entführter, Menschenrechtlern und verfeindeten Familien, die einander Blutrache geschworen hatten. Einigen Oppositionellen gewährte er die Teilhabe an der Macht.

Die Situation in den Untersuchungsgefängnissen verbesserte sich in Jewkurows Amtszeit, während sich im Kampf gegen die allgegenwärtige Korruption kaum Erfolge einstellten. Die Hoffnungen vieler Menschen in Inguschetien auf grundsätzliche Veränderungen haben sich daher nicht erfüllt. Auch die Anschläge und Morde konnte Jewkurow nicht unterbinden. So wurde am 10. Juni in Nasran die stellvertretende Vorsitzende des Obersten Gerichts von Inguschetien, Aza Gazgirejewa, ermordet.

Die Menschenrechtsorganisation Memorial führte in ihrem jüngsten Bericht zur Lage im Nordkaukasus an, dass der von Jewkurow eingeleitete »Stabilisierungsprozess« von der russischen Regierung nicht ausreichend unterstützt und nicht nur von bewaffneten Untergrundgruppen, sondern auch dem Sicherheitsapparat in Inguschetien regelrecht bekämpft werde. Die Sicherheitskräfte zu kontrollieren, dürfte Jewku­row auch deshalb schwergefallen sein, weil in Inguschetien auch der Zentralregierung direkt unterstellte Einheiten des Inlandsgeheimdienstes FSB und des Innenministeriums stationiert sind.

Allenfalls halbherzig versucht die russische Führung, in Inguschetien eine andere Gangart als im benachbarten Tschetschenien einzuschlagen. Am Tag des Anschlags übertrug der russische Präsident Dmitrij Medwedjew die Vollmachten im Kampf gegen den Terrorismus in Inguschetien nicht etwa dem Stellvertreter Jewku­rows, sondern Ramsan Kadyrow höchstpersönlich. Der machte von seiner neu erworbenen Macht umgehend Gebrauch. Da meldete sich Ruslan Auschew zu Wort. »Das Kommando muss beim Präsidenten liegen«, sagte er und äußerte zudem Zweifel am Erfolgsrezept von Kadyrow. Schließlich wisse niemand genau, wie viele Kämpfer sich tatsächlich in den Bergen im Kaukasus verstecken. Überdies bot er sich als Übergangspräsident bis zur Genesung von Jewkurow an.

Ob Jewkurow sein Amt wieder antreten kann, ist jedoch fraglich. Nach Angaben seines Sprechers Adam Gazdijew ist er wieder aus dem Koma erwacht. An Auschews neuerlicher Präsidentschaft in Inguschetien, und sei es nur auf Zeit, zeigt die russische Regierung indes keinerlei Interesse. Nach Angaben der russischen Ausgabe der Zeitschrift Newsweek erhielt Wladislaw Surkow aus der Präsidialadministration von Medwedjew den Auftrag, Auschews Einfluss in Inguschetien auf ein Minimum zu reduzieren. Erste Ergebnisse dieser Taktik stellten sich bereits ein. Die regierungstreue Partei Einiges Russland sprach sich vehement gegen eine Rückkehr Auschews aus, und Auschew selbst distanzierte sich von dem Plan der Opposition, eine Volksversammlung in Inguschetien einzuberufen, die ihn als neues Oberhaupt der Republik legitimieren sollte. Der Verfassung nach stellt die Volksversammlung das höchste Machtorgan dar und kann nur vom Präsidenten einberufen werden.

Höchst problematisch ist die Lage nicht nur in Inguschetien, auch in den umliegenden Republiken deuten die Umstände in naher Zukunft keines­falls auf eine friedliche Entwicklung hin. Anfang Juni wurde der langjährige Innenminister der russischen Kaukasusrepublik Dagestan, Adilgerej Magomedtagirow, durch einen Schuss in die Herzgegend getötet. Im Juni verkündeten die russischen Streitkräfte den Tod des Warlords Doku Umarow. Er könnte, so hieß es, bei einer Sonderoperation gegen eine Kämpferbasis in Inguschetien getötet worden sein. Beweise dafür blieb das Militär bislang schuldig.

Ute Weinmann

http://jungle-world.com/artikel/2009/28/35433.html

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