Merkwürdige Fragen

Die russische Regierung preist ihren Umgang mit der Krise. Viele Arbeiter warten unterdessen vergeblich auf die Auszahlung ihres Lohns.

Die russischen Regierungspolitiker sind mit sich zufrieden. Nicht trotz, sondern gerade wegen der Wirtschaftskrise. Angeführt vom ersten Vizepremierminister Igor Schuwalow legte das Kabinett Mitte vergangener Woche dem Parlament seinen Bericht vor. Schuwalow lobte das Krisenmanagement des Kabinetts in höchsten Tönen. Das Schlimmste sei überstanden, und nach der Beseitigung aller negativen Folgen werde Russland im Jahr 2012 dank der wohlbedachten Vorgehensweise der Regierung sogar gestärkt aus der Krise hervorgehen. Читать далее

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Von der sowjetischen Völkerfreundschaft zum nationalistischen Straßenterror

Antifaschistische und antirassistische Arbeit in Russland vor dem Hintergrund eines gescheiterten Gesellschaftsmodells

„Einem Menschen in Not würde ich helfen, einem Tadschiken nicht.“ Der Satz stammt von einem Moskauer Polizeibeamten, aber er steht stellvertretend für die Denkweise vieler Menschen in Russland. Nach jüngsten Umfragen empfinden nicht weniger als siebzig Prozent der russischen Bevölkerung eine Abneigung gegenüber AusländerInnen. Dabei tut die Staatsbürgerschaft nichts zur Sache, allein die nationale Zugehörigkeit und das äußere Erscheinungsbild zur Einordnung einer Person nach rassistischen Kriterien sind entscheidend. Im Alltag macht sich diese Einstellung überall bemerkbar – ob bei schikanösen Ausweiskontrollen auf der Straße, die sich in erster Linie gegen dunkelhäutige und nichtslawisch aussehende PassantInnen richten, oder der Suche nach einer festen Bleibe. Viele Wohnungsanzeigen enthalten einen der Standartsätze „Keine Vermietung an Kaukasier“ oder „Vermiete an russische Familie“.

Im Jahr 1997 galt die Abschaffung der Angaben zur Nationalität im russischen Inlandspass noch als Errungenschaft, denn sie setzte einen formalen Schlusspunkt unter das Kapitel einer Jahrzehnte andauernden Diskriminierung. Auch wenn in der Sowjetunion die Stigmatisierung einzelner Nationalitäten scheinbar im Widerspruch zur verordneten Völkerfreundschaft stand, erfolgten unter Stalins Herrschaft u.a. die Deportationen der Tschetschenen, Inguschen, Krimtataren und Deutschen anhand der Nationalitätszugehörigkeit. Aber selbst wenn man die einschlägig bekannten Verfolgungen, die mit dem Tod vieler Betroffener endeten, beiseite lässt, bleibt immer noch die Feststellung, dass die Angabe der Nationalität beileibe keine neutrale Information darstellte. Vielmehr diente sie im Regelfall als Kriterium, um zu verstehen, mit wem man es zu tun hat und zur Bestätigung verbreiteter nationaler Stereotypen bei der Wahrnehmung einer fremden Person . Und obwohl diese Angabe formal gesehen nicht mehr zwingend auftaucht, hat sich die nationale Zugehörigkeit als unverrückbare Konstante in der nach dem Zerfall der Sowjetunion und dem sozialen Niedergang eines Großteils der Bevölkerung desorientierten Gesellschaft bewahrt.

Eine zunehmend aggressive Komponente brachte der erste, insbesondere aber der zweite Tschetschenienkrieg ein. Bei Terroranschlägen auf Wohnhäuser in Moskau und im Süden Russlands verloren im Spätsommer 1999 über 300 Menschen ihr Leben. Der darauf folgende Krieg in der Kaukasusrepublik, der seinerzeit Wladimir Putin zur ersten Amtszeit als russischer Präsident verholfen hatte, führte zu einem bislang unbekannten Ausmaß an Fremdenhass. Nach der offiziellen Befriedigung der separatistischen Republik, als sich TschetschenInnen als alleiniges Feindbild nicht mehr eigneten, erhielt die These von einer möglichen faschistischen Gefahr Auftrieb. Am 4. November 2005 durften 3000 Rechtsradikale erstmals anlässlich des neugeschaffenen „Tags der Volkseinheit“ legal durch Moskaus Innenstadt marschieren. Im gleichen Jahr polierte die russische Regierung die Erinnerungen an den „Großen Vaterländischen Krieg“ auf, oder genauer gesagt, an den Sieg über den Faschismus vor 60 Jahren. Der Opfer wird dabei nicht gedacht, nur der Helden. Der Staat, und mit ihm die vom Kreml geschaffene Jugendorganisation „Naschi“ (Unsere) verkörperten von nun an den wahren und vertrauten Antifaschismus, der längst die Form eines aggressiv nationalistische Züge tragenden und gegen die Feinde Russlands gerichteten Patriotismus angenommen hatte.

Eine Debatte über einen anders gearteten Antifaschismus, der sich mit den immer dreister agierenden Neonazistrukturen befasst, findet dabei in der Öffentlichkeit praktisch nicht statt. So schwammig wie der Faschismusbegriff, der längst zu einem inhaltlich beliebig füllbaren Schimpfwort mutiert ist, bleibt auch die Vision einer effektiven Strategie gegen die Gewalteskalation auf Russlands Straßen. Neonazis verüben jährlich Hunderte rassistischer Übergriffe, Dutzende nichtslawisch aussehende Menschen, meist aus Mittelasien, dem Kaukaus, afrikanischen Ländern oder Südostasien stammend, kommen dabei ums Leben. Mit steigender Tendenz. Es gibt in Russland zwar Organisationen wie das Zentrum SOVA in Moskau, welches sich zur Aufgabe gemacht hat, das Ausmaß rechtsextremistischer Gewalt durch die Ermittlung zuverlässiger Angaben zu ermitteln, zu den Opfern oder Angehörigen besteht jedoch nur in den seltensten Fällen Kontakt. Anlaufstellen für eine qualifizierte Beratung existieren praktisch nicht. Die „Bürgerhilfe“ in Moskau, die vorrangig Flüchtlinge aus dem Kaukasus und den ehemaligen Sowjetrepubliken berät, kann aus Kapazitätsgründen diese Lücke nicht wirklich füllen. In anderen Städten sieht die Situation nicht besser aus.

Opferberatung und Hilfe wird so zur Privatsache. Teils kümmern sich auch Vereinigungen der jeweiligen Diaspora um die Betroffenen. Bei der jungen Antifaszene gehört Solidarität mit den Opfern rechter Gewalt zum festen Bestandteil, allerdings nur, wenn sie aus den eigenen Reihen kommen. Sie leisten nach – leider häufigen Gewaltübergriffen – Unterstützung, und sei es nur durch einen finanziellen Zuschuss etwa für teure medizinische Behandlungskosten oder die Bezahlung eines Anwalts. Dafür ist das Verständnis für die Notwendigkeit eines im öffentlichen Raum sichtbaren und nachvollziehbaren praktischen und politischen Engagements nur begrenzt vorhanden. Je nach Gruppenzugehörigkeit konzentrieren sich die meist sehr jungen AntifaschistInnen auf Aktivitäten innerhalb einer klar definierten Szene, ohne ihren subkulturellen Rahmen zu verlassen. Es wäre aber ein Fehler deren Bedeutung zu unterschätzen, denn letztlich setzen sie in ihrem Umfeld nationalistischen Tendenzen eine antirassistische Alternative entgegen. Die Formulierung langfristiger Ziele, geschweige denn deren Realisierung, fällt aber auch deshalb schwer, weil die Bedrohung rechtsradikaler Gewalt so präsent ist, dass auf absehbare Zeit dem Schutz vor Übergriffen absolute Priorität eingeräumt werden wird.

Anarchistisch orientierte AntifaschistInnen gehen hingegen durchaus an die Öffentlichkeit. So am 19. Januar 2009, als die „Junge Garde, die Jugendorganisation der Kremlpartei „Einiges Russland“, auf einem der Moskauer Bahnhöfe die Passagiere des Zuges Taschkent-Moskau mit Plakaten und Flugblättern empfing. Die „Junggardisten“ prangerten illegale Arbeitsmigration an, setzte diese mit Diebstahl gleich und forderte die Neuankömmlinge dazu auf, Steuern zu bezahlen. AnarchistInnen behinderten die Aktion mit Eierwürfen und einem Transparent mit der Aufschrift „Kein Mensch ist illegal“ und wurden dafür von der Sondereinheit OMON festgenommen und auf der Wache teils misshandelt. Die Aktion mag als zweifelhafter Erfolg erscheinen. Doch vor dem Hintergrund einer Mauer des Schweigens hinsichtlich des alltäglichen Rassismus und der verbreiteten Solidarität mit den Positionen der „Junggardisten“, dürfte die Bewertung aber positiver ausfallen.

Seit dem Jahr 2008 nehmen zumindest die Strafverfolgungsbehörden ihre Sache ernster und intensivierten die Ermittlungen gegen rechtsradikale Straftäter. Allerdings scheut sich das russische Innenministerium davor, das Ausmaß an Organisiertheit illegal operierender Neonaziverbände zu benennen, denn das hieße, eigene Versäumnisse einzugestehen. Offensichtlich um Ausgleich bemüht setzt die Miliz verstärkt der antifaschistischen Szene zu. In Izhevsk, der Hauptstadt der kurz vor dem Ural gelegenen Republik Udmurtien, dienten dafür vorbestrafte Rechtsextremisten als Köder. Sie stellten Strafanzeige wegen vermeintlich gestohlenen Gegenständen und einem Messerangriff. Trotz Alibi setzten die Milizionäre die betroffenen Antifaschisten unter Druck, einem drohten sie gar mit der Schusswaffe. Der Ermittler im Fall Andrej Petrov begründete das Vorgehen der Miliz folgendermaßen: „Die Nazis in der Stadt verhalten sich inzwischen relativ ruhig, während die Anzahl der Antifaschesten zugenommen hat. Die müssen nun eingeschüchtert werden, damit das Kräfteverhältnis gleich bleibt.“

Für die russischen Medien ist die Bedrohung von AntifaschistInnen kein Thema. Stattdessen drucken sie zahlreiche Meldungen über illegale ArbeitsmigrantInnen und mit dem Ausbruch der Wirtschaftskrise verstärkte sich die Berichterstattung über vermeintlich oder tatsächlich von arbeitslosen MigrantInnen verübte Raubüberfälle. Das Signal ist klar – AusländerInnen stellen eine Gefahr dar. Womöglich sogar eine größere als die sozialen und ökonomischen Folgen der Krise, die in ihren Ausmaßen verharmlost werden. Die Stigmatisierung und Diskriminierung von ArbeitsmigrantInnen insbesondere aus den südlichen ehemaligen Sowjetrepubliken, nahm allerdings schon früher ihren Anfang. Seit Januar 2007 gelten Einschränkungen bei der Arbeitsaufnahme. Wer nicht über die russische Staatsbürgerschaft verfügt, darf per Gesetz keinen Handel mit Alkohol und Medikamenten betreiben. Auf Märkten dürfen AusländerInnen nur noch Tätigkeiten nachgehen, die nicht unmittelbar mit Geldverkehr zu tun haben. Debatten um einen restriktiveren Umgang mit illegalisierten MigrantInnen gehören fest zur Tagesordnung, der Kampf gegen Rechtsextremismus nicht. Dabei braucht es um Menschen aus der Illegalität zu verhelfen in erster Linie handhabbare Bestimmungen und Mechanismen, die es ermöglichen, Behördengänge unbürokratisch und innerhalb kürzester Zeit zu erledigen. Denn je komplizierter der Vorgang und je aufwändiger die Prozedur, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die per Gesetz vorgegebenen Regeln eingehalten werden. Aber womöglich ist dies gar nicht das Ziel.

In der Praxis trägt der Migrationsdienst – abgekürzt FMS – einerseits einen entscheidenden Anteil an der Illegalisierung von Millionen von MigrantInnen aus den ehemaligen Sowjetrepubliken. Korruption und Schikanen bei der Ausstellung der per Gesetz vorgeschriebenen Dokumente wie Arbeitsgenehmigungen oder einer polizeilichen Anmeldung sind Gang und Gäbe. Damit verschaffen die Behörden windigen Geschäftemachern eine hervorragende Grundlage für eine gesicherte Nachfrage nach einem Service, der gegen entsprechende Bezahlung die Erledigung aller nötigen Formalitäten einschließt. Und der korrupte Teil des FMS profitiert selbst davon. Andererseits vertritt die Leitung der Migrationsbehörde durchaus moderate Positionen. Werden Aufrufe zur Zuzugsbegrenzung und Einschränkung der jährlich festgelegten Quoten für eine legale Arbeitsaufnahme für AusländerInnen in Russland laut, argumentiert der FMS mit der Notwendigkeit für eine Beibehaltung des derzeitigen Kontingents oder gar dessen Aufstockung und bildet damit einen Gegenpol zu den Hardlinern in der Regierung und im Parlament In Russland leben bis zu 15 Millionen ArbeitsmigrantInnen und nur etwa vier Millionen haben eine Chance, per Quote ihren Aufenthalt zu legalisieren.

Staatliche Maßnahmen gegen den alltäglichen Rassismus wirken halbherzig und hilflos. LehrerInnen sind dazu angehalten, Toleranztrainings anzubieten, ohne allerdings speziell geschult oder mit entsprechenden Materialien ausgestattet zu werden. NGO’s bieten gerne Seminare an, in der über die Achtung anderer Kulturen debattiert wird. Auf die Ursachen von Rassismus wird aber ebenso eingegangen wie die typischen Argumentationsmuster der Verfechter einer von Fremden gesäuberten Gesellschaft widerlegt werden. Zu den unerwünschten Elementen gehören aber nicht nur AusländerInnen, sondern beispielsweise auch Roma. Oft verfügen sie nicht einmal über einen Zugang zu sauberem Trinkwasser und es gibt Schulen, in denen sich die Ausgrenzung von Romakindern nicht nur in getrenntem Unterricht manifestiert, sondern auch durch eine territoriale Segregation.

Auf praktisch allen Ebenen fehlt der Wille, aber auch das Know-How für antifaschistische und antirassistische Arbeit. Das Feld dafür ist zwar weit gefasst, aber die wenigen Organisationen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, erfahren in Russland nur selten Unterstützung. So wundert es nicht, dass es manchen leichter fällt, sich der Koalition gegen den Nazi-Aufmarsch in Dresden am 13. Februar anzuschließen, als dem „Russischen Marsch“ ein Ende zu setzen.

Ute Weinmann

ZAG Nr. 54 2009

 

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Waffenschmuggel schützt die Umwelt

Die mysteriöse Entführung des Frachtschiffs Arctic Sea lässt immer neue Fragen aufkommen. Sollte es Raketen an den Iran liefern? Und spielte der Mossad bei der Entführung eine Rolle?

Wer rätselhafte Storys um illegalen Waffenhandel und Geheimdienstmissionen lieber in den Nachrichten statt im zweistündigen Kinoformat verfolgt, kommt derzeit auf seine Kosten. Die Geschichte um das unter maltesischer Flagge mit russischer Besatzung fahrende finnische Frachtschiff Arctic Sea bietet wöchentlich neue Details, ohne an Spannung zu verlieren. Denn anstatt mit nachprüfbaren Fakten aufzuwarten, üben sich die an der Aufklärung der tatsächlichen oder vermeintlichen Entführung des Schiffes Beteiligten in Spekulationen.

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Thälmann muss Stalin weichen

Der größte Markt Moskaus wurde geschlossen. 100 000 überwiegend migrantische Händler wurden vertrieben, vielen droht die Ausweisung.

Wer in Moskau wilde Exotik statt zahmem westlichem Chic oder sowjetischem Abglanz erleben wollte, brauchte nur eine Reise in den Nordosten der Stadt zu unternehmen. Hier befindet sich auf einer Fläche von über 200 Hektar der längst legendär gewordene Tscherkison, der Tscherkisow-Markt. Noch vor gut einem Monat herrschte hier täglich ein Gedränge wie zur Rush Hour in der überfüllten Metro. Nun aber haben sich die Reihen gelichtet und nur noch wenige Händler stehen vor den geschlossenen Toren herum, weil sie entweder den Rest ihrer Waren aus dem riesigen Container-Labyrinth abholen wollen oder aber nicht wissen, wo sie sich eine neue Existenz aufbauen sollen. Читать далее

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Ungeliebte Nachbarn

In Russland sieht man von oben auf Zentralasien herab

Das Verhältnis zwischen dem russischen Zentrum und der zentralasiatischen Peripherie ist seit langem gespannt. Im Zeitalter der formalen Unabhängigkeit der ehemals „brüderlichen“ Sowjetrepubliken hat sich daran nur wenig geändert. Welche Bilder in Russland über Zentralasien vorherrschen, darüber gibt der russische Umgang mit zentralasiatischen MigrantInnen besonders gut Aufschluss.

Der Osten ist eine subtile Angelegenheit“ – dieser geflügelte Satz ist in Russland in aller Munde, wenn es um das russische Verhältnis zu den asiatischen Ex-sowjetischen Nachbarstaaten geht. Er zeugt einerseits von Kenntnis der Region und andererseits von deutlicher Distanz. Jener Satz stammt aus dem sowjetischen Kultfilm „Beloje solnce pustyni“ („Die weiße Sonne der Wüste“), der im Frühjahr 1970 das Kinopublikum im Sturm eroberte. Als seither regelmäßig im Fernsehen gezeigtes Kulturgut bildet er einen festen Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses. Читать далее

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Führen und entführen lassen

Die Menschenrechtlerin Natalja Estemirowa wurde in Tschetschenien entführt und ermordet. Die Gewaltherrschaft des tschetschenischen Präsidenten Kadyrow wird von der russischen Regierung unterstützt.

Mit zwei Kugeln in der Herzgegend und einer Kugel im Kopf wurde am Mittwoch voriger Woche die Leiche von Natalja Estemirowa entdeckt. Am frühen Morgen zerrten unbekannte Männer die langjährige führende Mitarbeiterin der Menschenrechtsorganisation Memorial mit Gewalt in ein Auto, kurz nachdem sie ihre Wohnung in der tschetschenischen Hauptstadt Grozny verlassen hatte. Augenzeugen hatten die Szene beobachtet, aber nichts unternommen. Der Wagen gelangte unkontrolliert über die Republikgrenze in das benachbarte Inguschetien, wo derzeit unter der Befehlsmacht des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow eine »Antiterroroperation« gegen tatsächliche und vermeintliche bewaffnete Aufständische im Gange ist.

Kadyrow äußerte nach dem Mord die Vermutung, seine Gegner im Untergrund, die ihn diskreditieren wollen, stünden hinter der Tat. Die 50jährige Natalja Estemirowa hatte eine Schlüsselrolle bei der Aufdeckung von Entführungen, Brandstiftungen und öffentlichen Hinrichtungen, Verbrechen, die in Tschetschenien alltäglich sind. Praktisch alle Menschenrechtsorganisationen, die sich mit der Region beschäftigen, stützten sich auf ihre Informationen, einschließlich der tschetschenischen Strafverfolger. Das ist kein Wunder, denn die von Gewalttaten Betroffenen wagen aus Angst vor möglichen Konsequenzen nur selten, über die Verbrechen zu reden. Wer sich überhaupt Hilfe erhoffte, wandte sich an Natalja Estemirowa und keinesfalls an die Miliz oder die Staatsanwaltschaft.

Es sind, anders als während des Tschetschenien-Kriegs, nicht mehr die Untergrundkämpfer, die Menschen verschleppen. Die Entführungen gehen, soweit sich das nach Augenzeugenberichten über Uniformen und Abzeichen nachvollziehen lässt, auf das Konto tschetschenischer Sicherheitskräfte. Nach einer kurzen Phase der relativen Entspannung im Jahr 2007 mit 35 Entführungen gab es wieder einen Anstieg. 2008 waren es 42, und allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres wurden fast 80 Menschen verschleppt.

Nicht alle Entführungen enden mit einem Mord. Strafaktionen gegen Menschen, deren Söhne, Brüder oder entferntere Verwandte sich den Untergrundgruppen angeschlossen haben, nehmen jedoch zu. Die Ermittlungen, wenn sie überhaupt geführt werden, bleiben ergebnislos. Ale­xan­der Tscherkasow, Kaukasus-Experte von Memorial, bezeichnet die Lage in Tschetschenien als »organisierte Straffreiheit«.

Wenige Tage vor dem Mord an Natalja Estemirowa teilte der tschetschenische Menschenrechtsbeauftragte ihr mit, die politische Führung sei empört über die öffentliche Vorgehensweise von Memorial in Grozny. Es dürfe ermittelt werden, die vorliegenden Erkenntnisse und Beweise seien jedoch allein dem Präsidenten mitzuteilen. Diese Aussage konnte als Drohung interpretiert werden. Der Anlass dürfte die öffentliche Hinrichtung von Rizwan Albekow am 7. Juli im tschetschenischen Dorf Achkintschu-Borzoj gewesen sein, an deren Aufdeckung Natalja Estemirowa einen entscheidenden Anteil hatte. Ihr Kollege Alexander Tscherkasow schließt nicht aus, dass diese Enthüllung den tschetschenischen Sicherheitsapparat zu einer Racheaktion gegen die mutige und konsequente Menschenrechtlerin veranlasste.

Der Leiter des Menschenrechtszentrums von Memorial, Oleg Orlow, ging noch weiter. Er bezichtigte Ramsan Kadyrow bei einer Pressekonferenz öffentlich der Schuld an dem Mord. Das wollte Kadyrow nicht auf sich sitzen lassen, er rief prompt Orlow an, um das Gespräch »von Mann zu Mann« zu suchen. Kadyrow sagte, er sei unschuldig, außerdem unterstünden die Sicherheitskräfte nicht seiner Kontrolle, lediglich als Präsident trage er die Verantwortung für die Vorkommnisse in der Republik. Später versprach er öffentlich, die Ermittlungen nicht nur auf dem offiziellen Weg zu führen, sondern auch »im Einklang mit den Traditionen der Tschetschenen«.

Genau gegen diese angebliche Traditionspflege setzte sich Natalja Estemirowa in aller Öffentlichkeit zur Wehr. Sie scheute nicht einmal die direkte Konfrontation mit Kady­row. Genau darin dürfte ihr größtes Vergehen gelegen haben. Kadyrows Herrschaft stützt sich nicht nur auf systematische Gewaltanwendung, sondern auch auf die Erniedrigung aller Untergebenen und die Inszenierung seiner Führung nach den Regeln des stalinistischen Personenkults.

Menschen werden vor laufenden Kameras ­gezwungen, sich von ihren Verwandten zu distanzieren. Gegen Frauen, die sich weigern, ein Kopftuch zu tragen, läuft eine regelrechte Hetzkampagne. Mitstreiter für seine Sache findet der Präsident auch außerhalb Tschetscheniens. So demonstriert derzeit einmal pro Woche das kanadische Model Chrystal Callahan für Grozny TV die Vorzüge schicker Kopftücher, wie sie die »traditionsbewusste« tschetschenische Frau trägt, und erläutert dem der russischen und tschetschenischen Sprache nicht mächtigen Auslandspublikum Kadyrows Verdienste für die Republik.

Von der russischen Regierung erhält der Präsident volle Unterstützung, trotz der Tatsache, dass Kadyrow keineswegs alles unter Kontrolle hält. So hat die systematische Gewaltanwendung viele junge Menschen in die Berge zu den bewaffneten Gruppen getrieben. Es wäre falsch, alle Kämpfer im Untergrund als Jihadisten zu bezeichnen. Allerdings ist es dem islamistischen Warlord und »Emir« Doku Umarow gelungen, die meisten Gruppen unter seiner Führung zu vereinen und sich damit auch ideologischen Einfluss auf deren Kämpfer zu sichern.

Kadyrow gelingt es, der russischen Regierung ein Zugeständnis nach dem anderen abzuringen. Zuletzt setzte er im April 2009 die Abschaffung des seit 1999 geltenden Antiterrorregimes durch, das ihn wegen der Beschränkungen der Zollhoheit und der Präsenz föderaler Truppen schon längst störte. Ausgerechnet in einer Zeit, in der die Anwesenheit der Zentralmacht der allgegenwärtigen Tyrannei des tschetschenischen Sicherheitsapparats Grenzen setzen könnte, zieht sich die russische Regierung zurück.

Solange die tschetschenische Führung nicht die Unabhängigkeit von Russland propagiert, scheint die russische Regierung alle Gewaltexzesse mitzutragen. Kadyrows scheinbar erfolgreiche Politik verschafft ihm auch deshalb Unterstützung, weil die Situation in den umliegenden Kaukasus-Republiken zu eskalieren droht. Das hat zur Folge, dass ihm nun auch freie Hand im Antiterrorkampf in Inguschetien gewährt wird. An alternativen Konzepten zur Stabilisierung der Region fehlt es offensichtlich, denn das würde erfordern, über die gesamte gescheiterte Kaukasus-Politik nachzudenken.

Ute Weinmann

http://jungle-world.com/artikel/2009/30/35869.html

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Eine Bombe vom Emir

Nach einem Attentat liegt Junus-bek Jewkurow, der Präsident Inguschetiens, im Koma. In seiner kurzen Amtszeit hatte er nicht nur mit Jihadisten zu kämpfen.

Der Explosion konnte der gepanzerte Mercedes des Präsidenten Junus-bek Jewkurow nicht standhalten. Ein Selbstmordattentäter zündete am 22. Juni eine in seinem Auto deponierte Bombe mit einer Sprengkraft von 70 Kilogramm TNT. Ein Bewacher verstarb an Ort und Stelle, der Fahrer später im Krankenhaus. Jewkurow überlebte den Anschlag schwer verletzt und und fiel ins Koma. Sein Leibwächter und jüngerer Bruder kam mit weniger schwerwiegenden Verletzungen davon. Nicht einmal acht Monate war Jewkurow als Präsident der russischen Kaukasusrepublik Inguschetien im Amt. Читать далее

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In Veränderung

Russlands extreme Rechte

Die extreme Rechte in Russland befindet sich im Wandel. Spaltungen, Auflösungen und staatliche Repression kennzeichnen das Bild einerseits. Andererseits wachsen die organisatorischen und ideologischen Überschneidungen zu staatsnahen Organisationen.  Читать далее

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Moskauer Neusprech

Ein Regierungsgremium soll verhindern, dass die Geschichtsschreibung das Prestige Russlands mindert.

»Wer sich unvoreingenommen mit der Geschichte des Zweiten Weltkriegs beschäftigt hat, weiß, dass er mit der Weigerung Polens begann, die deut­schen Forderungen zu erfüllen.« Was wie eine alt­hergebrachte revisionistische Einschätzung aus NPD-Kreisen klingt, konnte man Anfang Juni auf der Webseite des russischen Verteidigungsministeriums nachlesen. Unter der Rubrik »Geschichte gegen Lüge und Fälschung« fand sich ein Text mit dem Titel »Fiktion und Verfälschung der Bewertung der Rolle der UdSSR am Vorabend und zu Beginn des Zweiten Weltkriegs«. Der Autor Ser­gej Kowaljow, Historiker am Militärgeschichtlichen Institut des Verteidigungsministeriums, wirft Polen Großmachtambitionen vor und stuft Deutsch­lands damaligen Anspruch auf Danzig als »überaus gemäßigt« und »nicht unbegründet« ein.

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Schwieriges Outing

In Moskau können Homosexuelle etwas offener leben als in anderen Städten Russlands. Hier haben sie eine Infrastruktur, die allerdings nicht vor homophober Gewalt und vor Repressalien durch die Polizei schützt. Die Politisierung der gleichgeschlechtlichen Bewegung in Russland gestaltet sich schwierig, denn viele Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgenders haben Angst vor Sichtbarkeit.

»Warum wollen diese scheiß Schwulen eine Parade durchführen? Paraden sind den Siegern vorbehalten – haben sie etwa gewonnen?« Auf die Frage eines anonymen Veteranen hatte ein Autor der nationalkonservativen Zeitung Russischer Beobachter folgende Antwort parat: »Womöglich haben sie eine Schlacht gewonnen, nicht aber den Krieg. Einen Krieg werden sie im orthodoxen Russland nie gewinnen.« Nikolaj Aleksejew, Leiter des Projekts GayRussia und Hauptinitiator des vierten Versuches, in Moskau eine Gay-Pride-Parade zu veranstalten, frohlockte hingegen am Tag nach der diesjährigen Veranstaltung in seinem Weblog. »Wir haben wieder gewonnen. Die slawische Gay Pride wurde zum erfolgreichsten und am besten gecoverten Gay-Ereignis in der Geschichte Russlands.« Читать далее

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